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Streik und Tarifverhandlungen im ÖPNV 2026: Die Perspektive der Streikenden

Nach der gescheiterten, dritten Tarif-Verhandlungsrunde in diesem Jahr legten die Beschäftigten des öffentlichen Nahverkehrs vom 9. bis zum 12. März ihre Arbeit nieder. Einige Verkehrsbetriebe, so auch die EVAG, organisierten einen Notfahrbetrieb. In den Medien wird meist die Perspektive der Unternehmen dargestellt. Am 11. März versammelten sich die Streikenden vor dem EVAG-Betriebshof am Urbicher Kreuz zur Kundgebung. Wir haben uns Kamera und Mikrofon eingepackt, um vor Ort Eindrücke von der Stimmung zu bekommen und die Debatte um die Perspektive der Streikenden zu ergänzen.

 

 


Radiofassung

 

Transkript:

Der Betriebshof der Erfurter Verkehrsbetriebe am Urbicher Kreuz: An Tag 3 des Streiks haben hier die ÖPNV-Mitarbeitenden am 11. März 2026 zur Abschlusskundgebung aufgerufen.

Rund um die Uhr, seid ihr für uns da. Bei dem Dienst, den ihr für uns leistet - den ihr der Stadt erweist - ist es unakzeptabel, dass ihr dafür nicht fair behandelt werdet! - Aus einer Streik-Rede.

Nicht alle Mitarbeitenden streiken mit. Bei der EVAG gibt es diesmal einen Notbetrieb. Immer wieder fahren Autos durch die Kundgebung in Richtung Betriebshof. Vor Ort nehmen wir eine teils kämpferische, aber auch eine teils angespannte Stimmung wahr. Wir beobachten Politiker:innen verschiedener Parteien, die sich hier heute zeigen und an der Kundgebung beteiligen. Sie hören der Rede von Uwe zu.

Uwe ist langjähriger Straßenbahnfahrer bei der EVAG. Uns erklärt er, wie sich der Notfahrplan auf den Streik auswirkt:

Ja, die Stimmung ist schon ganz gut. Natürlich macht uns zu schaffen, dass durch den Notfahrplan natürlich die Streikwucht schon ein bisschen eingeschränkt ist. Aber ich denke schon, unter denjenigen, die sich am Streik beteiligen, ist nach wie vor die Geschlossenheit da. Es ist nach wie vor der Kampfeswille da und es ist nach wie vor der Mut da, das durchzusetzen, was wir fordern - zumindestens die Minimalforderungen. - Uwe, Straßenbahnfahrer bei der EVAG

Die konkreten Forderungen kennt Paul Schmidt, er ist Verhandlungsführer von der Gewerkschaft Verdi.

Uns geht es vor allem um Entlastung. Also, wir haben auch eine Lohnforderung. Wir wollen gerne, dass sich der Lohn weiterentwickelt, bei den steigenden Preisen - wir sehen es gerade an der Tankstelle. Vor allem geht es uns aber um ein Wahlmodell: Also, dass die Beschäftigten zukünftig entscheiden können, ob sie eine Lohnerhöhung nehmen, ob sie mehr freie Tage nehmen oder ob sie ihre Arbeitszeit etwas absenken. Also, dass jeder für sich etwas gucken kann: Wie sieht mein Leben gerade aus? Brauche ich mehr Zeit? Habe ich vielleicht kleine Kinder, pflegebedürftige Angehörige oder spare ich gerade auf etwas und arbeite deswegen ein bisschen mehr? Wir wollen also, dass die Beschäftigten selbst entscheiden können, was am besten zu ihren Leben passt. - Paul Schmidt, Fachbereichsleiter und Verhandlungsführer bei Verdi

Die Unternehmensleitung der EVAG ist ebenfalls bei der Kundgebung anwesend. EVAG-Chef Mario Laube rechtfertigt den Streikenden gegenüber seine Position und den Notfahrplan. Die Verhandlungen mit den Arbeitgebenden dauern an. Einige Streikende hinterfragen zunehmend den Arbeitskampf - das erklärt uns zumindest Sven Michel, Lackierer bei der Straßenbahn Gotha:

Es ist wirklich der Moment, wo man schon sagt: Macht das denn wirklich noch Sinn, was wir fordern? Sollten wir nicht davon zurücktreten? Da ist es dann schon eher so meine Aufgabe, zu sagen: Wenn wir jetzt von den Forderungen zurücktreten, dann sind sie wirklich für eine sehr, sehr lange Zeit vom Tisch und wir können sie nicht nochmal aufgreifen, weil die Arbeitgeber dann einfach wissen: Ihr habt damals schon versagt, da versagt ihr nochmal. Also, es ist... Die Stimmung ist tatsächlich ein kleines bisschen bedrückt. Ich selber bin auch froh, wenn es wirklich der letzte Verhandlungstag wäre. Da hoffe ich einfach mal, dass es vielleicht auch so wird. Aber ich denke, es wird nicht so werden. - Sven Michel, Lackierer bei Thüringer Waldbahn und Straßenbahn Gotha GmbH

Kritik gibt es auch an der bisherigen Berichterstattung zum Streik und den Fokus auf die Chef-Perspektive.

Es gibt tatsächlich in Gotha die Thüringer Allgemeine, die da ein bisschen kommuniziert hat, aber eher aus der Arbeitgeberseite-Sicht. Also, uns hat keiner gefragt, was sie berichten können. Also, man liest ganz klar raus, dass die Informationen von den Arbeitgebern kommen und dementsprechend wurde dann dazu auch berichtet. Das finden wir sehr, sehr schade, denn es ist... Es wird nicht genau erklärt, warum wir nochmal streiken - warum jetzt schon wieder, zum dritten Mal... Und warum die Straßenbahnen und Busse bei uns in Gotha zum Beispiel fahren. Das wird einfach nicht erklärt. Es wird nur gesagt: Es ist alles gesichert. Die Straßenbahnen fahren trotzdem, weil nicht genügend Leute streiken wollen. Das finde ich... es ist zwar irgendwo richtig, aber es ist falsch erklärt und es steht irgendwie negativ für uns da. - Sven Michel, Lackierer bei Thüringer Waldbahn und Straßenbahn Gotha GmbH

Von der Öffentlichkeit wünschen sich die Streikenden, dass ihre Arbeit in den Verkehrsbetrieben mehr beachtet und gewertschätzt wird.

Ich finde, es müsste mehr Wert drauf gelegt werden, dass in der Berichterstattung, eben auch den Menschen, die die Zeitung lesen oder die Fernsehen schauen, nahegelegt wird, wie wichtig dieser ÖPNV ist. Das ist Alltag geworden für die Menschen. Sie gehen mit ihrer Freundin zu einer Party, trinken was - jetzt müssen Sie Ihr Auto stehen lassen. Aber die Straßenbahn bringt Sie pünktlich nach Hause. Sie haben sogar einen Anschluss auf dem Anger, wenn Sie in eine andere Richtung wollen. Das ist Alltag geworden. Das setzen Sie voraus. Sie sagen Das ist für mich selbstverständlich! Und das ist es eben nicht. Da sind Kollegen, die diese Leistung erbringen müssen. Sie haben es ja gehört: Wir haben auch wirklich in dem Bereich schlechte Arbeitsbedingungen was Ruhezeiten zwischen zwei Schichten bedeutet. Wenn ich zum Beispiel geteilten Dienst habe und habe 18 Uhr Feierabend, müsste ich theoretisch um 3 Uhr frühs schon wieder anfangen. Also das ist die minimale Zeit, die mir der Arbeitgeber geben muss. Also, wenn der Arbeitgeber sagt: Du musst 3:40 Uhr frühs wieder ausrücken, muss ich - sagen wir, ich bin 19 Uhr Zuhause, bin 19:30 Uhr im Bett - muss ich um 2 schon wieder aufstehen. Und das sehen Leute nicht. Die sehen nur: Die Bahn fährt. In Erfurt auch ziemlich lange. Wir fahren ja fast rund um die Uhr. Das gibt's auch nicht überall. 1 Uhr noch auf der Kreuzung auf dem Anger noch mit der Straßenbahn zu fahren... Suchen Sie mal eine Stadt... Erfurt ist da auch sehr Straßenbahnaffin, muss ich sagen. Also, ich finde, die Berichterstattung sollte mehr Respekt und mehr Wertschätzung den Leuten gegenüber zeigen, in ihren Artikeln, die diese Daseinsvorsorge am Leben halten. - Uwe, Straßenbahnfahrer bei der EVAG

Nun hält der ÖPNV eine Stadt am Laufen, es ist die Lebenslinie und gerade in Erfurt sind die Straßenbahnen wichtig auch im Stadtbild - Wie soll es nun weitergehen?

Wir haben nächste Woche Mittwoch [am 18.03.26, Redaktionelle Anmerkung] die nächste Verhandlungsrunde und ich hoffe sehr, dass wir dort zu einer Lösung kommen, dass wir uns deutlich annähern können. Das wäre gut. Das ist wichtig. Das wollen wir auch. Wenn es aber weiter so bleibt, dass die Arbeitgeber sagen, über das Thema Arbeitszeit verhandeln sie mit uns gar nicht, dann wird die Auseinandersetzung nur härter. Und dann wird genau - sie haben es gerade genannt, die Lebenslinie der Stadt, die Lebensader der Stadt - dann wird die im Zweifelsfall vielleicht noch stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Das wollen wir nicht. Wir wollen eine Lösung. Aber dafür müssen sich die Arbeitgeber endlich bewegen. - Paul Schmidt, Fachbereichsleiter und Verhandlungsführer bei Verdi

Ich sag aber auch dazu: Es ist eine Verhandlung. Da müssen beide irgendwo ein Kompromiss finden. Ansonsten gäbe es keine Verhandlung. Da kommt der eine mit seinen Bedingungen und wir mit unseren und das wars. Das geht ja nicht. Also, es muss irgendwo in der Mitte sich treffen. Und wir haben ja gesagt - und das verstehen wir auch nicht - diese 35-Stunden-Woche, die immer so hochgehalten wird - wir wollen die ja nicht von heute auf morgen. Wir haben den Arbeitgebern ein Zeitfenster angeboten. Wir haben gesagt, lasst uns einsteigen. Fangen wir - was weiß ich - mit 37 Stunden an. Und in zwei Jahren reden wir mal über 36. Aber lasst uns den Korridor öffnen. Darum gehts. Wenn wir das erreichen in der Verhandlung, dass die Arbeitgeber zumindest sagen OK, wir reden mal jetzt über eine Öffnungsklausel, wäre das schon ein Erfolg und es könnte dann vielleicht auch zu einer Einigung kommen. Ich sehe es zwar noch nicht, wenn ich jetzt das, was die Arbeitgeber immer von sich geben mal eins-zu-eins wahrnehme, dann wird es wahrscheinlich nochmal einen Streik geben. Es wird auf alle Fälle so sein, wenn es eine Urabstimmung gibt, dann wird gestreikt, bis es... dann gibt es keine Begrenzung mehr. Dann wird gestreikt, bis es ein Ergebnis gibt. Ich hoffe, dass das nicht eintritt. Das wäre der GAU sozusagen. Den will keiner. Den wollen die Arbeitgeber sicherlich nicht. Den wollen wir erst recht nicht - und für unsere Fahrgäste natürlich auch nicht. Ich hoffe, dass der gesunde Menschenverstand siegt und dass wir zu einem Kompromiss kommen, mit dem beide leben können. - Uwe, Straßenbahnfahrer bei der EVAG

Am 18. März gibt es dafür eine neue Chance: Denn dann findet die nächste Verhandlungsrunde statt, die neben viel Geduld auch einiges an Kaffee brauchen wird. Dass Uwe uns übrigens nicht seinen vollen Namen verraten hat, hat für ihn einen ganz besonderen Grund:

Es geht nicht um mich. Ich spreche für all die Kollegen, die hier stehen. Für die ganzen Heikos und Ingos und für die ganzen Nataschas und wie sie alle heißen. Und deswegen sag ich mir, will ich das symbolisch rüberbringen indem ich einfach sage: Ich bin der Uwe, ich spreche für alle, weil alle die gleichen Probleme haben.

 

Quellen:
verdi.de: "Warnstreiks im kommunalen Nahverkehr Thüringen", 06.03.2026
MDR: "Erneut Streik: Wo in Thüringen keine Busse und Bahnen fahren", 09.03.2026

 

Redaktion:
Caro Könneker
Donata Hille
Martin Lehmann

Interviews:
Donata Hille

Produktion:
Martin Lehmann

Musik:
Musca - „Dub Boatz“ / CC BY 4.0
L4R1N1LY4 - „Good Space“ / CC BY-NC 4.0

Hinweis:
Bei der gesamten Produktion - von erster Recherche über Aufnahmen und Postproduktion bis zum Upload - ist von uns auf den Einsatz von „KI“-Tools verzichtet worden - soweit wir das beurteilen und beeinflussen konnten.

 

Übrigens:

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