Aktuell
| Das Programm von heute | ||
|---|---|---|
| 00:00 |
Soundtrack Filmmusik |
|
| 05:00 |
Offene Sendefläche nach § 34 ThürLMG |
|
| 09:00 |
Unterdessen Das Magazin ... |
|
| 12:00 |
Sehkrank Album zur Nacht |
|
| 13:00 |
Play Some Records The Sound Of Real Music |
|
| 15:00 |
Common Voices Sendung von Geflüchteten und MigrantInnen in Halle |
|
| 17:00 |
Südnordfunk Aus Print mach mehr - iz3w on air |
|
| 18:00 |
Unterdessen Das Magazin ... |
|
| 20:00 |
LAP Lokaler Aktionsplan gegen Rechts in Erfurt |
|
| 21:00 |
handmade Regionale Musik |
|
| 22:00 |
Roamin' Cats One love, less rules |
|
„Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ - Interview über das Buch mit dem Autor Fabian Goldmann
Für sein Buch analysierte der Islamwissenschaftler und Journalist Fabian Goldmann systematisch 11.125 Beiträge mit Nahostbezug aus Bild, Spiegel, Taz, Tagesschau und Zeit seit dem 7. Oktober 2023 bis Januar 2025. Mit dem Buch veröffentlicht er eine empirische Analyse darüber, wie deutsche Leitmedien in großem Maße in ihren Nachrichten gegen journalistische Grundsätze verstoßen, besonders wenn es um Israel und Palästina geht. Am 15. Juni 2026 war Fabian Goldmann zu Gast in Erfurt, um aus seinem Buch zu lesen und ein Teil seiner Ergebnisse vorzustellen. Martin hat sich vor der Lesung mit Fabian Goldmann verabredet. Im Interview erklärt der Autor, was ihn zum Schreiben dieses Buchs motiviert hat, wie er bei seiner Recherche vorgegangen ist, was die Lesenden im Buch erwarten können, wie die Reaktionen auf sein Buch ausfielen und wie er mit Antisemitismusvorwürfen und Anfeindungen umgeht.

Transkript (mit maschineller Zuhilfenahme erstellt):
Wenn es um Israel und Palästina geht, wird die Palästinensische Perspektive besonders in den Deutschen Medien nur selten oder gar nicht beachtet. Das stellt beispielsweise auch Fabian Goldmann fest. Er ist Islamwissenschaftler und Journalist. Für sein im Frühjahr 2026 veröffentliches Buch
Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza, wertete Fabian Goldmann systematisch über 11.000 Medienbeiträge aus Bild, Spiegel, Taz, Tagesschau und Zeit von Oktober 2023 bis Januar 2025 aus. Ich bin hier nur ein paar Häuser weiter vom Radio F.R.E.I.-Studio entfernt, nämlich in den Kulturräumen vom Retronom in der Johannesstraße. Fabian Goldmann ist an diesem 15. Juni 2026 zu besuch in Erfurt, um hier im Retronom aus seinem Buch zu lesen. Eingeladen hat ihn die Hochschulgruppe Erfurt Unsilenced, die intensiv in der Palästinasolidarität aktiv ist. Ich habe mich vor dieser Lesung mit Fabian Goldmann hier im Retronom verabredet, um mit ihm über sein Buch zu sprechen. Hallo Fabian, danke, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst.
Fabian Goldmann:Hallo, vielen Dank für die Einladung.
Staatsräsonfunkheißt das Buch, geschrieben wie
Staatsfunkund ein reinkorrigiertes
Räson. Dazu im Untertitel
Genozid in Gaza- wie ist der Titel zu verstehen?
Fabian Goldmann:Der Titel hat eigentlich viele verschiedene Bedeutungen. Zum einen spielt er natürlich mit diesem Klischee des Staatsfunks und hält dem aber dann auch entgegen: So einfach ist es nicht, dass Medien einfach, wie sich das viele vorstellen, so von oben gelenkt sind, sondern es ist schon ein bisschen komplizierter. Ich versuche, mich dem Problem der deutschen Israel-Palästina-Berichterstattung über den Begriff derStaatsräsonzu nähern, die bedingungslose Unterstützung Israels durch Deutschland, die sich auch in Mediensystemen in vielfacher Weise niederschlägt.
Zum einen haben wir in der Medienlandschaft eine große Solidarisierung mit Israel, oder, das ist eigentlich schon euphemistisch, mit der israelischen Regierung, die auch die Berichterstattung einfach ganz krass prägt. Also vielen Medienschaffenden muss niemand irgendeine einseitige proisraelische Parteinahme vorgeben, sondern sie tun das aus freien Stücken von ganz allein, weil sie davon überzeugt sind. Das geht einher sowohl in der Gesellschaft als auch in der Medienlandschaft mit, finde ich, so einem krassen antipalästinenschen, antimuslimischen Rassismus. Das erleben wir auch seit dem 7. Oktober [2023, Tag der Hamas-geführten Angriffe auf Süd-Israel] zunehmend auf der Straße bei Demonstrationen, auch im Kulturbetrieb, in der Wissenschaft, wo palästina-solidarische Stimmen gecancelt werden. Und das erleben wir eben auch im Medienbetrieb, sei es zum Beispiel in den Redaktionen, wo es auch Medienschaffende mit palästinensischen Background, aber auch arabischen, muslimischen Background, sehr, sehr schwer haben.
Wir erleben das aber eben vor allem auch in der Berichterstattung, die eben auch sehr oft rassististische Stereotype aufgreift. Also das heißt, diese Berichterstattung, die wir so haben, hat meines Erachtens auch viel mit dem Weltbild von Medienschaffenden zu tun: Quasi große Israelsolidarität auf der einen Seite, auf der anderen Seite dieses Klischee vom barbarischen rückständigen Islam und der arabischen Welt.
Ja, undStaatsräsonhat natürlich aber auch was zu tun mit Repressionen, mit Einschränkungen von Meinungsfreiheit, immer enger werdendem Diskursraum, was wir auch seit dem 7. Oktober in ganz vielfältiger Weise in der deutschen Gesellschaft beobachten können. Und auch Medienschaffende werden zunehmend Ziel von Repressionen, sei es durch andere Medien, durch die Bildzeitung, zum Beispiel, wo sie als Antisemiten oder Islamisten gebrandmarkt werden.
Aber auch, es gibt Anfeindungen durch die Deutsch-Israelische Gesellschaft, durch die israelische Botschaft, die oft einfach in den Redaktionen anruft und sich beschwert, durch den israelischen Armeesprecher, zum Beispiel auch in Deutschland, der auch Journalisten wie mich zum Beispiel auch auf seine Feindeslisten packt. Aber auch der Staat wird zunehmend, habe ich den Eindruck, zur Bedrohung für die Pressefreiheit, so Sachen, wie dass die Junge Welt im Verfassungsschutzbericht landet. Und auch viele weitere Beispiele kann man nennen. Also das heißt, dieser Begriff desStaatsräsonfunksbedeutet einmal, dass eben diese ganzen problematischen Entwicklungen, die wir unter der ÜberschriftStaatsräsonzusammenfassen, eben auch Einfluss auf die Medienberichterstattung hat. Es bedeutet aber auch,Staatsräsonfunk, dass dadurch, dass Medien eben häufig sehr, sehr unkritisch gegenüber der offiziellen israelischen Perspektive sind und auch unkritisch gegenüber der offiziellen deutschen Politik sind, sie diese deutsche Politik der Staatsräson mit ermöglicht haben, die sich zum Beispiel manifestiert in Waffenlieferungen, in diplomatische Unterstützung, aber auch in Silencing von kritischen Stimmen. Das heißt, ja, also Staatsräson einmal so als Erklärung, als Ursache für den ganzen medialen Schlamassel, den wir erleben, aber dann wiederum auch als Wirkung. Das soll dieser Begriff zum Ausdruck bringen.
Warum beschäftigt dich persönlich wie deutsche Medien über den Genozid in Gaza berichten?
Fabian Goldmann:Oh, das ist natürlich ein weites Feld. Also zum einen kommen da, glaube ich, jede Menge biografische Zufälle irgendwie zusammen. Ich habe irgendwann mal Islamwissenschaft studiert. Das war nach dem Abi, einfach auch, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit meinem Leben anfangen soll. Ich habe das einfach mal ausprobiert, bin dann in den sogenanntenNahen Ostenimmer wieder gelandet, in Syrien, dann auch in Israel, in Palästina. Und wenn man einmal dieses Leid, die Verbrechen auch, die da tagtäglich begangen werden, auch mit deutscher Unterstützung, erlebt, dann lässt einen das so leicht nicht wieder los. Und gleichzeitig habe ich angefangen, als Journalist zu arbeiten und mir dann auch immer wieder andere Medien angeschaut, wie die so berichten und schnell festgestellt, das mediale Bild, was hier so vermittelt wird von der Region, hat wirklich so rein gar nichts mit der Realität, mit dem Leben dort zu tun.
Deshalb war meine journalistische Arbeit eigentlich auch schon immer eine medienkritische. Also ich habe auch schon vor dem 7. Oktober verschiedene medienkritische Untersuchungen gemacht, zu Rassismus in der Clan-Berichterstattung, zu fehlender Diversität in Talkshows oder in Rundfunkräten, zu Islamberichterstattung und vieles mehr. Und nach dem 7. Oktober habe ich das eigentlich einfach fortgeführt. Der Unterschied war nur, dass die Defizite, die man da vorher schon feststellen konnte, danach noch mal völlig eskaliert sind.
Also ein Großteil der Berichterstattung wirkte auf mich einfach, als sei sie irgendwie einfach komplett aus den Pressemitteilungen der israelischen Armee abgeschrieben. Man stieß da immer wieder auf irgendwelche propagandistischen Euphemismen vonbegrenzten Bodenoperationen, vonSchutzzonen, vonEvakuierungsanordnungen, die es nie gegeben hat, auch ganz rassistischen Klischees, die damit einhergehen, habe ich schon angesprochen. Und gleichzeitig gab es aber auch, fand ich, immer weniger kritische Stimmen, die sich dem Thema gewidmet haben, obwohl es mehr Anlass für Kritik eigentlich als je zuvor gab.
Und deshalb dachte ich, da musst du das irgendwie mal angehen das Thema. Und habe dann... Mir war letztlich auch wichtig, das wirklich empirisch fundiert und systematisch anzugehen, jetzt nicht einfach nur so ein paar Beispiele rauszugreifen und die zu kritisieren, sondern zu gucken, wie ist die Berichterstattung in ihrer ganzen Breite. Und so ist dann letztlich dieses Buch zustande gekommen.
Wie bist du denn da bei deiner Recherche vorgegangen?
Fabian Goldmann:Also ich habe sehr viel Zeit in Bibliotheken verbracht, so anderthalb Jahre, und habe mir zum einen Medien rausgegriffen, also man muss sich ja erstmal immer irgendwie begrenzen, auch wenn man versucht, über unser ganzes Mediensystem Aussagen zu treffen, musst irgendwie dich da bei deiner Methodik eingrenzen. Und ich habe versucht Medien rauszugreifen, die zum einen eine große Reichweite haben, zum anderen aber auch ein möglichst breites Spektrum von unserer Medienwelt abdecken. Das waren dann die Bild als größte Tageszeitung, der Spiegel als größtes Nachrichtenmagazin, die Zeit als größte Wochenzeitung, die Tagesschau als reichweitenstärkstes Nachrichtenformat und die Taz als größte, vermeintlich linke Tageszeitung. Und von denen habe ich mir dann einfach alle Beiträge angeschaut. Im Rahmen meines 15-monatigen Untersuchungszeitraums, der ging vom 7. Oktober 2023 bis 19. Januar 2025, das war der Startpunkt einer kurzeitigen Waffenruhe. Das waren etwa so 11.000 Beiträge, und die habe ich dann systematisch untersucht.
Und also das, was ich zunächst herausfinden wollte, war, wie werden Medienschaffende ihren eigenen Standards, ihren eigenen Prinzipien gerecht. Journalismus ist im Endeffekt auch ein Handwerk, das kann man lernen, das ist niedergeschrieben in Handbüchern, auch in Programmaufträgen der öffentlich-rechtlichen, im Medienstaatsvertrag, im Pressekodex. Da stehen dann so Sachen drin wie Faktentreue, dass es einfach stimmen muss, was du schreibst, Perspektivenvielfalt, Ausgewogenheit, alle möglichen Seiten zu Wort kommen lassen, präziser Umgang mit Sprache, mit Bildern, nicht irgendwelche Klischees reproduzieren, auch das Bereitstellen der relevanten historischen, juristischen, politischen Kontexte gehört zum Journalismus.

Und das bin ich dann quasi durchgegangen, habe geguckt, zeigt zum Beispiel die Tagesschau wirklich alle Seiten in ihren 20-Uhr-Nachrichten, da kam zum Beispiel heraus, nee, tut sie überhaupt nicht, sondern es gibt ein riesengroßes Übergewicht für die offizielle israelische Perspektive, also konkret heißt das zum Beispiel, am Beispiel der 20-Uhr-Nachrichten der Tagesschau, in den 15 Monaten standen 136 Vertreter:innen der israelischen Regierung lediglich vier palästinensische Repräsentanten in der Tagesschau gegenüber, die da zu Wort kamen. Aber nicht nur palästinensische Repräsentanten waren unterrepräsentiert, sondern zum Beispiel auch Vertreter von humanitären NGOs wie Save the Children, Oxfam, Ärzte ohne Grenzen, die im Gazastreifen tagtäglich aktiv sind, da auch immer wieder großartige Berichte produzieren, derer sich Journalisten leicht bedienen könnten, selbst die kamen in der Tagesschau kaum vor, also in 15 Monaten waren bei zwei Gelegenheiten dann Vertreter zu hören.
Genau, und ähnliche Untersuchungen habe ich dann eben gemacht, zum Beispiel, welche Quellen nutzen Medien in der Nachrichtenberichterstattung, da war es auch wieder ein riesiges Übergewicht offizieller israelischer Angaben. Also um mal nur einen Fakt zu nennen, allein Israels Armee und Israels Regierung, schafften es in den von mir untersuchten Nachrichtenmedien mehr als doppelt so oft in die Schlagzeilen wie sämtliche Quellen aus Palästina, Libanon, Syrien, Iran, von allen humanitären NGOs und allen internationalen Organisationen zusammen. Und das hat halt überhaupt nichts mit dem Journalismus zu tun, wie er eigentlich sein sollte.
Wie hat sich denn dein Verhältnis zur Medienwelt und zum Journalismus entwickelt, während du das Buch geschrieben hast und dafür recherchiert hast und diese Erkenntnisse machen konntest?
Fabian Goldmann:Ja, gute Frage. Also, wie schon gesagt, war mein Bild von der deutschen Medienlandschaft schon vorher nicht so das allerbeste. Mir war natürlich klar, dass es da große Defizite gibt, gerade so bei den Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe, Rassismus, Islam, Migrationsberichterstattung und so, das hat ja auch alles nicht erst seit dem 7. Oktober angefangen. Deshalb habe ich mir, glaube ich, keine allzu großen Illusionen gemacht. Gleichzeitig wurde ich trotzdem, dennoch immer wieder eigentlich enttäuscht oder war auch immer wieder entsetzt, wie krass doch diese ganze Schieflage ist.
Also, wenn ich an meine einzelnen Untersuchungen rangegangen bin, dann hatte ich schon so ungefähr im Kopf, was dabei rauskommen könnte aufgrund meiner Medienerfahrung. Und es war dann danach immer noch viel, viel schlimmer als ich erwartet hätte. Was mich wirklich, glaube ich, am meisten entsetzt hat bis heute, war, wie kritikresistent Medien sind.
Ich bin ja, zum Glück nicht nur ich, der Medien kritisiert, empirisch fundiert kritisiert. Es gibt auch andere tolle medienkritische Stimmen, auch wissenschaftliche Untersuchungen von Janis Grimm zum Beispiel, oder auf Social Media, auf Insta macht auch seit Tag Eins Nadia Zaboura, Kommunikationswissenschaftlerin, einen tollen Job, in dem sie auch immer wieder Verfehlungen gegen journalistische Standards ganz dezidiert nachweist.
Und man erreicht eigentlich bei unseren großen etablierten Medien so gut wie gar nichts damit. Es gibt bis heute keinerlei kritische Auseinandersetzung, selbstkritische Auseinandersetzung damit, es werden kaum Fehler richtig gestellt, was mir auch noch mal einfach gezeigt hat, wie einfach völlig kaputt unser etabliertes Mediensystem ist und wie groß diese Beharrungskräfte da drin sind. Weshalb ich mittlerweile eigentlich wenig Hoffnung habe, dass sich dann auch groß irgendwas ändern lässt.
Jetzt ist die Diagnose quasi gestellt. Wie erklärst du dir das alles?
Fabian Goldmann:Ja, das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage, die auch am schwersten zu beantwortende Frage. Wahrscheinlich ist es aber auch die wichtigste Frage, weil die Antwort dafür notwendig ist, um dann auch eine Perspektive aufmachen zu können, wie man das besser machen kann, wie man unser Mediensystem retten kann.
Ich muss dazu sagen, mein Buch ist zu 90 Prozent Inhaltsanalyse. Also ich schaue mir Berichterstattung an und sage, was das Problem ist. Die FrageWas sind die Ursachen?geht da noch mal darüber hinaus. Da kann ich nicht so empirisch fundiert was dazu sagen. Glücklicherweise gibt es aber auch schon jede Menge Literatur dazu. Ich bin nicht der erste, dem das aufgefallen ist, dass unsere Medien, gerade auch wenn es um Kriegsberichterstattung geht, häufig keinen guten Job machen, sondern sich sehr an den offiziellen Narrativen und Angaben ihrer jeweiligen Regierung orientieren. Also ein paar Ursachen habe ich ja schon genannt, die, sagen wir, mit dieser Politik der Staatsräson zusammenhängen.
Man muss, glaube ich, aber dann auch berücksichtigen, dass diese ganzen eher neuen Probleme, oder die Probleme, die sich jetzt noch mal massiv auf jeden Fall seit dem 7. Oktober verschärft haben, auf ein Mediensystem getroffen sind, was vorher schon krasse Defizite hatte und was es einfach sehr, sehr schwer gemacht hat, in Deutschland guten Journalismus zu machen. Ich nenne mal nur ein paar Probleme, damit es nicht allzu lange dauert. Also unser Nachrichtenjournalismus ist auch traditionell sehr, sehr fokussiert auf offizielle, meist staatliche Angaben. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer hat dafür mal den Begriff desVerlautbarungsjournalismusgeprägt. Also viele Nachrichten sind einfach, bestehen einfach aus übernommenen Pressemitteilungen von Staat, von Behörden, von großen Unternehmen, weil es auch einfach die billigste und bequemste und schnellste Art des Journalismus ist. Und diese Art des Journalismus, also dieser Verlautbarungsjournalismus, privilegiert eben extrem jene Akteure in einer Gesellschaft, die das Geld, die Ressourcen, die Macht haben, solche Pressearbeit professionell zu betreiben. Und das sind halt eher nicht die Menschen in Gaza oder irgendwelche kleinen humanitären NGOs. Also das ist quasi schon so ein riesiges Konstruktionsdefizit von unserem Journalismus.
Ein anderer Aspekt ist vielleicht auch so eine zunehmende Kommerzialisierung und Konzentration unseres Mediensystems. Also wir denken irgendwie immer, in Deutschland hätten wir so riesige Pressevielfalt, Pressefreiheit. Aber wenn man sich das historisch anschaut, ist das eigentlich überhaupt nicht so. Also in den 1920ern, also vor 100 Jahren ungefähr, hatten wir noch 4.500 Tageszeitungen. In Deutschland aktuell sind es noch 320 und von diesen 320 ist die Mehrheit in der Hand von großen Medienunternehmen wie Springer, Funke, Madsack Mediengruppe, Ippen, Südwest-Holding. Und das Problem bei solchen großen Medienkonzernen ist, die verdienen nicht unbedingt ihr Geld mit guten Journalismus und Abos und Kioskverkäufen, sondern für die ist Journalismus eigentlich so ein Investment unter vielen. Die haben dann noch ihr Jobportal, ihre Dating-App, ihr Gesundheitsportal. Springer verdient sich noch ein bisschen was mit dem illegalen Siedlungsbau in der Westbank mit dazu. Und für die ist investigativer, machtkritischer Journalismus eher so ein Geschäftsrisiko, weil man sich dafür mit den politischen und wirtschaftlichen Eliten anlegen muss, von denen man aber selber abhängig ist. Und das ist auch ein weiterer Grund, ein systemischer, struktureller Grund, warum es eben so wenig machtkritischen Journalismus gibt.
Wo wir gerade vielleicht in Thüringen sind, kann ich das vielleicht mal am Beispiel des Thüringer Pressemarkts oder der Thüringer Presselandschaft verdeutlichen, wie groß dieses Problem eigentlich ist: In Thüringen, zum Beispiel, ist der komplette, fast der ganze Tageszeitungsmarkt, Thüringer Allgemeine, Thüringische Landeszeitung, Ostthüringer Zeitung, in Hand von einem Unternehmen, nämlich Funke. Und ja, ein Großteil der überregionalen Berichterstattung entsteht eben nicht in Erfurt, in Weimar, in Gera, wo die Redaktionen ihren Sitz haben, sondern entsteht in Berlin-Mitte, in der Funke-Zentralredaktion, von wo halt Funke Regionalzeitungen in ganz Deutschland beliefert. Und Funke ist eben so ein großes Medienunternehmen, für das diese Probleme, die ich vorhin eben geschildert habe, zutreffen. Und vielleicht noch ein kleiner Aspekt, warum sich die Berichterstattung auch von Funke nicht unbedingt großartig von anderen großen Medienmarken wie Springer zum Beispiel unterscheidet, ist auch, dass der Funke-Chefredakteur früher selber Teil der Bild-Chefredaktion war. Also auch dahingehend gibt es halt nicht besonders viel, viel Vielfalt.
Das Gleiche gilt übrigens für die DPA [Deutsche Presse-Agentur], das wäre noch ein weiterer, so ein struktureller Aspekt, dass ein Großteil unserer Medienberichterstattung basiert einfach auf die DPA-Angaben. 95 Prozent aller Medien in Deutschland haben die DPA abonniert, über 40, über 45 Prozent aller Nachrichten basieren auf Agenturangaben, meistens DPA. Ja, und auch der DPA-Chefredakteur saß früher in der Bild-Chefredaktion.
Also wenn man sich denkt, irgendwie, weiß ich nicht, manchmal erzählen mir irgendwie Leute, die sind überzeugte Taz-Abonnenten schon seit Jahrzehnten und jeder Bild-Leser ist verkappter Faschist... in Wahrheit konsumiert ihr alle zu einem großen Teil die selben Inhalte, nämlich zum Beispiel DPA. Ja, genau, es gibt noch viele weitere Probleme, über die man sprechen müsste, aber ich lasse dich erstmal wieder was fragen.
Wir gehen ein bisschen in das Buch jetzt rein, so dass die Leute wissen: was erwartet sie in dem Buch. Kannst du so grob erklären, die Struktur des Buchs und den roten Faden, was die Lesenden erwartet?
Fabian Goldmann:Ja, also wie gesagt, die ersten sieben Kapitel sind eigentlich Inhaltsanalyse. Und ich habe das versucht, so grob an Aspekten journalistischer Arbeit zu gliedern. Also im ersten Kapitel, also im ersten inhaltlichen Kapitel, Kapitel 2 ist das, geht es um Perspektiven. Also wer kommt zu Wort, wer kommt nicht zu Wort, habe ich ja schon dieses Beispiel mit der Tagesschau genannt, das habe ich mir auch für Talkshows angeschaut oder welche Expert:innen werden in Tageszeitungen zitiert, kommt auch immer wieder ähnliches raus, eben vor allem offizielle israelische Stimmen.
In dem nächsten Kapitel habe ich mir die Quellenauswahl angeschaut, einmal welche Quellen werden genutzt, aber wie wird auch mit bestimmten Quellen umgegangen. Also ein Kapitel widmet sich zum Beispiel der Frage der vermeintlichenHamas-Angaben, denen man nicht trauen kann. Dem bin ich dann mal intensiver nachgegangen, habe geguckt, ja was gibt es denn da für Untersuchungen dazu? Und das Ergebnis ist, dass also, zum einen handelt es sich sehr häufig schon gar nicht um Hamas-Angaben, sondern um Angaben der lokalen Krankenhäuser. Und zum anderen wurden die vermeintlichenHamas-Angaben, die man nicht nachprüfen kann, so heißt es oft in den Medien, vielfach nachgeprüft unter anderem durch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, die eher zum Ergebnis kamen, dass die eigentlich sehr glaubwürdig und präzise sind. Wenn sie nicht stimmen, dann nicht, weil die irgendjemand manipuliert, sondern weil nur die im Krankenhaus erfassten Gewalttoten da gezählt werden und nicht die Toten, die noch unter den Trümmern liegen oder durch Krankheit und Hunger gestorben sind. Von daher sind die tendenziell eher zu niedrig.
Im nächsten Kapitel da ging es darum, welche Narrative die Berichterstattung prägen.Aber Hamas!heißt das und das gibt schon quasi den Tenor vor. Es geht in deutschen Nachrichten... also oft werden israelische Verbrechen, israelische Massaker dann irgendwie immer als... versucht irgendwie der Hamas in die Schuhe zu schieben. Zum Beispiel, wenn die systematische Zerstörung des palästinenschen Gesundheitssystems, war begleitet von so einer Propagandakampagne, dass sich unter den Krankenhäusern irgendwelche Hamas-Kommandozentralen befinden sollen. Auch das wurde immer wieder unkritisch, ohne irgendwelchen Belege von deutschen Medien wiedergegeben. Dasselbe Muster findet sich bei der Tötung von palästinensischen Journalisten, über 260 sind es glaube ich mittlerweile, die von Israels Armee getötet wurden, mehr als durch jede andere Kriegspartei jemals. Und da übernehmen deutsche Medien auch immer wieder die vielfach unbelegte Darstellung der israelischen Armee, dass es sich bei denen um irgendwelche Hamas-Terroristen handelt.
Ich habe auch die Frage vonmenschlichen Schutzschildenangeschaut. Das ist ja auch so ein Rechtfertigungsargument, das behauptet wird, Israels Angriffe kosten nur deshalb so viele zivile Opfer, weil die Hamas sich unter der Zivilbevölkerung versteckt. Da habe ich mir auch alle relevanten Untersuchungen, investigativen Recherchen von New York Times, Al Jazeera, Haaretz und vielen anderen angeschaut, die durchweg zu dem Ergebnis kommen: Ja, im Gazastreifen werden massiv Zivilisten als menschliche Schutzschilder missbraucht, aber nicht durch die Hamas, sondern durch die israelische Armee, was wiederum dann gar nicht in unseren Medien oder kaum in unseren Medien vorkommt.
Ein Kapitel widmet sich der Darstellung von Opfern. Also wie werden israelische, wie werden palästinensche, libanesische Gewaltopfer dargestellt. Um ein paar Aspekte zu nennen, zum einen ein Ergebnis, dass es israelische Gewaltopfer sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel häufiger in die Schlagzeilen schaffen, ungefähr 37 mal so häufig im Durchschnitt gemessen an der tatsächlichen Opferzahl, verglichen mit palästinensischen Opfern. Vor allem werden sie aber auf eine ganz andere Art und Weise dargestellt, nämlich viel empathischer. Man erfährt dann die Namen, man liest ihre Geschichten, man sieht die Bilder von ihnen, die Bilder von weinenden Angehörigen am Sarg zum Beispiel, zu palästinenschen Toten gibt es in aller Regel, wenn überhaupt, Zahlenangaben, also sehr anonymisiert und dann oftmals noch mit dem Zusatz,es handelt sich um Hamas-Angaben, die man nicht nachprüfen kann, was das dann auch noch mal alles in Zweifel zieht.

Und das letzte inhaltliche Kapitel beschäftigt sich dann, meines Erachtens, eigentlich so mit dem wichtigsten Aspekt unseres medialen Versagens, nämlich der Nichtberichterstattung von Ereignissen. Also in der Propaganda-Forschung gibt es diesen BegriffPropaganda-by-Omission, also Propaganda durch Auslassungen. Ich würde sagen, das ist eigentlich so das größte Problem unserer Berichterstattung, dass ganz vieles gar nicht berichtet wird. Dazu zählen große Massaker mit dutzenden, teils über 100 Toten, aber auch, wie gesagt, so Sachen wie systematische Zerstörung der Lebensgrundlagen im Gazastreifen, auch die Zersiedelung der Westbank, aber auch so Sachen wie palestinisches Alltagsleben kommt in unseren Medien gar nicht vor, was eben auch dann nochmal dazu führt, dass dieses Leid quasi emotional dem Betrachter hier in Deutschland so gut wie gar nicht vermittelt wird und so das ganze Ausmaß des Schreckens halt so irgendwie im Wagen und Ungefähren letztlich bleibt.
Genau, das sind im Großen und Ganzen so die inhaltsanalytischen Kapitel und dann gibt es noch das letzte Kapitel Acht, das fällt ein bisschen aus der Reihe, wo ich dann mich mit den Gründen für diese Art der Berichterstattung auseinandersetze.
Du hast jetzt schon das Buch einige Male gelesen und hast da so ein paar Lesungen hinter dir. Wie war denn das bisher, wie waren da die Reaktionen? Gibt es irgendwas, was so passiert ist auf den Lesungen?
Fabian Goldmann:Also im Großen und Ganzen sind die Reaktionen echt großartig, ich bin selber völlig hin und weg von der vielen positiven Resonanz. Also ich bekomme Einladungen überall in Deutschland, war jetzt in so vielen Städten, bei manchen Städten wusste ich gar nicht, dass es die gibt, krieg die wahrscheinlich gar nicht mehr alle zusammen. Also 20, 25, glaube ich, Auftritte, hatte ich in den letzten zwei Monaten. Fast immer volles Haus, oft kamen schon gar nicht mehr alle rein, also was mich natürlich sehr freut, was mir auch zeigt, dass es großen Bedarf gibt an solcher Medienkritik.
Die meisten Leute muss man interessanterweise oder zwar interessant für mich, auch gar nicht mehr überzeugen, dass die Berichterstattung problematisch ist, das wissen die oft schon selber, aber schön ist es für die, also das wird mir immer rückgemeldet, dann dennoch, dass eben alles mal so empirisch fundiert geliefert zu bekommen, auch die passenden, die notwendigen Argumente und Fakten für dieses unbestimmte Gefühl, was glaube ich ganz viele Menschen in Deutschland mit Blick auf unsere Berichterstattung hier so in sich tragen.
Es gab so ein paar schwierige Ereignisse, also das erste größere Problem gab es an der Uni Köln, da hat mich eine Hochschulgruppe, Camp for Palestine heißen die, eingeladen. Auch der AstA [Allgemeiner Studierendenausschuss] stand dahinter. Der AstA an der Uni Köln zum Glück sehr stabil, was das Thema angeht. Und da hat dann die Uni die Lesung erst mal genehmigt, dann hat sie diese kurzfristig an einen kleineren Campus verschoben, mutmaßlich in der Hoffnung, dass es da weniger Öffentlichkeit gibt, und schließlich hat sie sie kurz vorher ganz abgesagt. Und wie gesagt, die Studis in Köln, die waren da sehr stabil, die haben von Anfang an klar gemacht, wir lassen uns das nicht gefallen. Und schließlich hat dann in den Räumen der Uni schon die Hochschulleitung und die Polizei und der Sicherheitsdienst auf uns gewartet, haben uns dann rausgeworfen. Und die haben nicht klein beigegeben, die Studis, die haben dann in Windeseile Bierbänke und Zelte und Lautsprecher, Tonanlage vor der Uni aufgebaut, eine Spontankundgebung angemeldet. Und letztlich war der Event viel größer, als es wahrscheinlich unter normalen Umständen stattgefunden hätte. Die Lokalpresse hat auch berichtet, auch teilweise sogar kritisch gegenüber der Uni Köln. Also wenn das Ziel der Uni Köln war, irgendwie das Thema unter dem Deckel zu halten, ist es auf jeden Fall völlig nach hinten losgegangen, ich gucke immer bei Amazon nach meinem Verkaufsranking, weil das kann man dann so in Echtzeit nachverfolgen, auch die Buchverkäufe sind sofort nach oben gegangen, ich war dann immer wieder auf Platz 1 unterIsraelund den Journalismusbüchern, also von daher nochmal vielen Dank auch an die Uni Köln für die unfreiwillige Promo.
Ein ähnliches Erlebnis hatte ich gerade an der Kunsthochschule Halle. Also tatsächlich sind es oft die Unis, die Hochschulen, die Probleme bereiten. Die hat es auch erstmal genehmigt, dann fielen den irgendwelche komischen Auflagen ein, wie dass es nur hochschulintern stattfinden darf, nur Hochschulpersonal, also Studierende und Mitarbeitende teilnehmen dürfen und dass es auch nicht öffentlich beworben werden darf, haben sie dann als Auflage der Hochschulgruppe, Politwoch heißt die, die mich eingeladen hat, mitgegeben. Und die haben sich dann eigentlich auch dran gehalten und trotzdem wurde es dann überraschend abgesagt. Und der vermeintliche Grund war, dass ich in der Liste mit Veranstaltungsankündigungen auf meinem Instagram-Kanal auch diese Veranstaltung aufgeführt hab und das hat angeblich gegen das Werbeverbot verstoßen, was irgendwie keiner, der irgendwie mit dem Fall da vertraut war, wirklich geglaubt hat. Und ja, auch da hat die Veranstaltung schließlich stattgefunden, nicht in Halle, aber am selben Tag dann in Leipzig, wo sich ein nettes Café, Vary Café, heißt das, bereit erklärt hat. Und da war es auch eine großartige Veranstaltung, auch komplett voll und viele Besucher. Und jetzt auch in den nächsten Wochen habe ich auch schon wieder jede Menge Anfragen für weitere Veranstaltungen. Also ja, unter dem Strich bin ich sehr, sehr zufrieden mit der Resonanz.

Wie gehst du denn, weil bei dem Thema schwingt ja immer so ein bisschen der Antisemitismusvorwurf mit, wie gehst denn du damit um? Hast du sowas schon bekommen? Was denkst du da?
Fabian Goldmann:Ja, den bekomme ich natürlich ständig. Ich glaube, die krasseste Geschichte war, als der Sprecher der israelischen Armee, Arye Sharuz Shalicar, mich auf so eine Liste mit den Top-Ten Verbreitern von Judenhass in Deutschland gesetzt hat, mit anderen auch sehr verdienten, renommierten Journalisten. Also ich war da auf jeden Fall in guter Gesellschaft. Und das, wie gesagt, die israelische Armee, die ja in den letzten Jahren so viele Journalisten ermordet hat, wie es glaube ich noch gar nicht in der Weltgeschichte gab und eben auch in Deutschland immer stärker kritische medienschaffende ins Visier nimmt, natürlich nicht mit tödlichen Folgen, aber diese diskreditiert. Und das, also das allein ist natürlich schon erschreckend genug.
Das noch erschreckendere ist, dass es dafür auch so gut wie gar keine Skandalisierung durch Politik, durch Behörden, aber auch innerhalb der Medienlandschaft wenig gibt, sondern das wird dann irgendwie weitgehend so hingenommen, was halt auch nochmal Ausdruck dessen ist, dass ja wir einfach insgesamt ein Problem mit unseren Medienbetrieb haben. Auch so Institutionen, die eigentlich dafür zuständig wären, die Journalistenverbände, Deutsche Journalistenunion, Deutscher Journalistenverband, die sind auch eher so Teil des Problems als der Lösung. Die haben auch schon palästinische Journalisten ohne jeden Beleg alsHamas-Terroristenabgestempelt. Dasselbe geht für die vermeintlichen journalistischen Kontrollgremien, Rundfunkräte, Landesmedienanstalten, Presserat, die machen eigentlich auch nicht so richtig ihren Job auch. Im Gegenteil, die hatten einige der schlimmsten Verfehlungen der letzten Jahre, wie zum Beispiel diese Fake News, dass die Hamas 40 Babys enthauptet haben soll, die am 11. Oktober [2023] und den Tagen danach durch alle Medien ging und zweifelsfrei als Fake News entlarvt ist. Auch die israelische Armee hat das später bestätigt. Diese Geschichte hat den offiziellen Segen des Presserats zum Beispiel mal bekommen.
Aber deine Frage war eigentlich, wie gehe ich damit um? Es ist nicht so, dass mich das alles kalt lässt. Gleichzeitig denke ich, ja, also auf der einen Seite bekomme ich natürlich viel Zuspruch. Ohne den würde ich es wahrscheinlich auch nicht machen und merke, dass es vielen auch Kraft gibt und empowert und so, meine Arbeit. Ich würde sogar sagen, dass das Buch selbst für mich auch so eine Art von Ventil ist. Also den Frust, den Ärger, der sich auch bei mir aufstaut, den ich durch Anfeindungen... auch einfach, wenn ich unsere Medien aufschlage und das vergleiche mit dem, was tatsächlich im Gazastreifen passiert. Viel von diesem Frust habe ich in dieses Buch reingesteckt und ja, bin dann natürlich jetzt froh, dass es so gut ankommt.
Vielleicht noch einen Punkt, weil das vielleicht auch anderen helfen könnte, wie man damit umgeht, ist sich Gleichgesinnte zu suchen. Also in den ersten Wochen, Monaten vielleicht sogar noch, nach dem 7. Oktober dachte ich auch manchmal,bist du jetzt irgendwie hier der Verrückte geworden? Es kann doch nicht sein, dass es nur dir auffällt. Und dann so Schritt für Schritt bin ich dann immer häufiger in Kontakt mit anderen Medienschaffenden, anderen Bereichen der Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft und so weiter, Leuten in Kontakt gekommen, denen das eben auch aufgefallen ist, und sich da gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen und zu empowern und zu zeigen, dass man doch irgendwie ganz richtig liegt mit seiner Wahrnehmung. Das hilft auf jeden Fall auch sehr und das kann ich auch nur jedem raten, das zu tun.
Wie können denn Hörende und Lesende mit dir in Kontakt kommen oder deine Arbeit weiter verfolgen?
Fabian Goldmann:Also ich bin vor allem... in Social Media bin ich vor allem auf Instagram aktiv. Sucht einfach nach meinem Namen auf Instagram, da findet ihr den schon. Ansonsten noch auf Twitter [verlinkt ist Fabian Goldmanns Bluesky-Profil] und ein bisschen auf YouTube und TikTok, aber vor allem Instagram. Da gerne. Ich kriege da ziemlich viele Anfragen. Wenn ich mal was übersehe, tut es mir leid. Wenn ihr sicher gehen wollt, dass es mich wirklich erreicht, benutzt lieber das Kontaktformular auf meiner Website. Das kennen nicht so viele. Das ist der sicherere Weg zu mir.
Und ansonsten kommt natürlich gern zu meinen Veranstaltungen. Ich glaube, irgendwann in den nächsten Wochen bin ich noch mal in Weimar, da steht der Termin nicht fest. Also wenn ihr das rechtzeitig hört, die Termine findet ihr dann auch auf meiner Insta-Seite. Kommt gerne dorthin und ansonsten bin ich bestimmt auch weiter nochmal in Thüringen.
Eine letzte Frage, auch nur wenn du die beantworten möchtest. Das Buch ist den Journalist:innen in Gaza gewidmet. Möchtest du das erklären?
Fabian Goldmann: Ja, gerne. Also ich schimpfe ja sehr viel in meinem Buch über Journalisten und auch zu Recht, finde ich. Gleichzeitig versuche ich in dem Buch aber auch zu zeigen, dass es eben auch sehr guten Journalismus gibt. Den gibt es in Deutschland teilweise innerhalb des etablierten Mediensystems. Dahinter stecken oft Redakteure, Redakteurinnen, die gegen große Widerstände auch in ihren Redaktionen sehr engagiert, da die einzelnen guten Beiträge durchbringen. Die warten dann geduldig, dass ihr Ressortleiter endlich mal Überstunden abbummelt, damit sie... weil der Stellvertreter vielleicht ein bisschen entspannter ist. Diesen guten Journalismus gibt es aber auch vor allem jenseits des etablierten Mediensystems durch kleine, Online-Indie-Medien-Accounts, die mit dem Bruchteil der Ressourcen oft einen sehr besseren Job machen. Occupied News, Gazaheute, Etos.Media, Jacobin, um mal nur ein paar zu nennen.
Vor allem, finde ich, gibt es aber diesen guten Journalismus, also in einem Maße, der alles, worüber wir uns hier klagen, auch weil du Anfeindungen angesprochen hast, so weit in den Schatten stellt und so, krass zeigt, was wirklich möglich ist. Es gibt diesen guten Journalismus in Gaza selbst, im Libanon, wo ja Leute unter den fürchterlichsten Umständen, die man sich nur vorstellen kann, bis soweit geht, sich selbst und die eigene Familie in Lebensgefahr zu bringen, dafür sorgen, dass wir hier erfahren, was eben auch mit deutschen Geldern, mit deutschen Wählerstimmen, mit all unserer Unterstützung da für Verbrechen geschehen. Und ich finde, für mich persönlich das größte Entsetzen auslöst, ist, dass es so gut wie keine Würdigung hier in unserer Medienlandschaft für diese aufopferungsvolle Arbeit von palästinensischen, libanesischen Medienschaffenden und so weiter gibt, sondern im Gegenteil, die hier irgendwie dann noch diffamiert werden von irgendwelchen Schreibtischtätern, die halt nicht ein My der Prinzipientreue haben, die eben diese palästinensischen Journalisten haben und deshalb wollte ich dann, wenn die schon nicht hier in unserer Medienlandschaft gewürdigt werden, wo sie eigentlich wirklich jeden Tag gewürdigt werden sollten, dann widme ich denen wenigstens mein Buch, um die nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen.
Das Buch
Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gazavon Fabian Goldmann. Ich habe mit ihm vor seiner Lesung im Retronom über das Buch gesprochen. Erschienen ist es im Frühjahr 2026 im Manifestverlag und kostet 22 Euro. Fabian Goldmann, vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg bei der Lesung.
Fabian Goldmann:Ich habe zu danken, war sehr nett. Vielen Dank.

Ein Beitrag von Martin Lehmann
Heute