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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Prozessunterricht

«An Hamburgs Schulen findet am Montag regulärer Prozessunterricht statt», las ich in einer Mitteilung der Deutschen Presse-Agentur zu den Proteststreiks der Gewerkschaft Verdi im öffentlichen Personen-Nahverkehr, und zwar war dies möglich, weil die Ankündigung der Proteststreiks so rechtzeitig erfolgt war, dass sich Schülerinnen, Eltern und Lehrerinnen darauf einrichten konnten.

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An dieser Meldung interessierte mich zunächst aber weniger der Zusammenhang mit dem Verdi-Streik als vielmehr der Begriff Prozessunterricht. Wat is denn dat nu wieder, dachte ich bei mir und merkte erst bei der dritten Lektüre, dass da nicht Prozess-, sondern Präsenzunterricht stand. Jetzt begriff ich, wovon die Schulbehörde sprach, nämlich davon, dass man nicht auf die Option des Teleunterrichts zurückgreifen musste, welche man während der Pandemie vor nun auch schon wieder 6 Jahren gerne gezogen hatte. Präsenzunterricht, meine Damen und Herren, nicht Prozessunterricht!

Aber weshalb nicht Prozessunterricht? Diese Bezeichnung tönt derart attraktiv, dass ich dem deutschen Lehrerinnen-Bund den Antrag stellen möchte, diese Bezeichnung in ihr vielseitiges und vielschichtiges Vokabular als vollwertiges Mitglied aufzunehmen. Unter einem Prozessunterricht kann man sich doch plastisch was vorstellen, es handelt sich um eine dynamische Form des Vermittelns von Lerninhalten im Gegensatz zu den bekannten statischen Formaten, bei welchen immer, ähemm, also ja, eben. Irgendeine Begründung würde uns oder ihnen dann schon einfallen, wenn meinem Antrag entsprochen würde, und die Pädagogik wäre landesweit einen wichtigen Schritt vorangekommen. Vielleicht könnte die Einführung der Bezeichnung Prozessunterricht etwas darüber hinweg trösten, dass die öffentlichen Schulen nach wie vor an verschiedenen Mängeln leiden, von der Einrichtung bis hin zur Ausstattung, vom pädagogischen Ansatz bis zur Motivation des Lehrpersonals wie des Schülerinnengutes, und so weiter, Ihr kennt das alles selber, geschätzte Hörerinnen und Hörer. So ein Prozessunterricht könnte eine ganze Generation neuer Lehrkräfte mit neuem Schwung ausstatten oder was auch immer; auf jeden Fall würden die Eltern und ihre Vor-Eltern vor einen Begriff gestellt, mit dem sie nichts anfangen können und der ihnen nicht sowohl das Verständnis der aktuellen Pädagogik als auch die Kritik daran deutlich erschweren täte. Das aber wäre das ausgezeichnete Verdienst der Einführung eines Prozessunterrichts.

Genug davon! Es ist allzu einfach, auf der Schule herum zu hacken, so etwas sollte einem objektiven und neutralen Beobachter nicht passieren. Da ist es bei den Verdi-Warnstreiks deutlich einfacher: Die Gewerkschaften und ihre Mitglieder erinnern wieder einmal daran, dass es sie noch gibt und dass sie eine anständige Entlöhnung fordern. Offenbar kommt es dabei zu eigenartigen Nebenerscheinungen, zum Beispiel in Berlin, wo die Straßenbahnen zwar bestreikt wurden, aber trotzdem zirkulierten, einfach ohne Passagiere, weil sonst die Oberleitungen eingefroren wären. Mal sehen, was für Auswirkungen der Streik auf die Tarifverhandlungen hat; an dieser Stelle aus neutraler Sicht die besten Wünsche für die Beschäftigten.

Auch die Beamtinnen können mit Lohnerhöhungen rechnen, nachdem das Ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­stellt hatte, dass die Beamtinnengehälter in Berlin über Jahre hinweg zu tief ge­wesen seien und nicht den Qualifikationen entsprochen hätten. Für 350'000 Personen bundesweit gibt es nun Nach­bes­serungen. Auch hier habe ich kei­ne Einwände in der Sache, wohl aber in der Form: Der Beam­tin­nenstatus gehört abgeschafft. Er ist nicht nur nicht zeitgemäß, sondern produziert auch eine Sorte von Menschen, die sich schon mit 25 Jahren auf ein 40-jähriges Berufsleben innerhalb der gleichen vier Wände einstellen. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen solche Menschen, das gibt’s und man kann diese Einstellung aus ver­schie­denen Gründen wählen; aber sie darf nicht vom Gesetz geschützt werden. Den gewal­ti­gen Veränderungen in Staat und Gesellschaft kann man nicht entge­genwirken, indem man die berufliche Position der Arbeitnehmerinnen zementiert und diese sozu­sagen heilig spricht. Auch im Bereich der Berufsprofile und der Anstellungsbedingungen braucht es regelmäßige Anpassungen. Für die Wahrung der Rechte und Interessen der Arbeiterinnen sind sie einerseits selber zuständig, und zwar nicht individuell, sondern kollektiv, eben anderseits im Rahmen von Gewerkschaften, nicht aber durch Verbeamtung.
Damit dies auch wieder einmal gesagt ist. Daneben nehme ich zur Kenntnis, dass der alte und neue Regierungschef in der Tschechei, Andrej Babis, den Chef der Autofahrerpartei Filip Turek zum Umweltminister ernennen will. Der Staatspräsident Petr Pavel hat sich bisher geweigert, diese Nomi­ni­erung mit seiner Unterschrift zu validieren; am Sonntag demonstrierten in Prag tausende von Menschen gegen Turek und Babis und für Pavel. Allerdings muss man die Ernennung eines Erdöl­schnüfflers zum Umweltminister als konsequent bezeichnen, nachdem Saudiarabien und Aser­baidschan in den beiden Jahren vor Brasilien die UNO-Umweltkonferenzen ausgerichtet hatten. Sogar in der neutralen Schweiz ist heute der ehemalige Präsident der Erdölvereinigung Umwelt­mi­nister. Petr Paval hat denn auch nicht die CO2-Politik von Filip Turek als Grund für die Ablehnung genannt, sondern weil dieser neben einer möglichst hohen Menge an Autoabgasen auch rassistische und sexistische Posts in die Umwelt geblasen hat. Davon abgesehen möchte ich an dieser Stelle meinen Zweifeln an der geistigen Verfassung der tschechischen Bevölkerung Ausdruck geben, nachdem sie diesen Babis erneut mehrheitsfähig gemacht hat. Er beziehungsweise seine ANO-Partei regiert im Moment zusammen mit der Autopartei sowie mit der Partei Freiheit und direkte Demokratie, die als ultrarechts bis rechtsextrem gilt. Das ist dem Babis natürlich wurscht, er braucht einfach eine Mehrheit, die politischen Bekenntnisse haben keine weitere Bedeutung mehr. Aber er selber steht meines Wissens immer noch unter Anklage wegen Subventionsbetrugs, nach­dem das tschechische Obergericht die Freisprüche von unteren Instanzen zwei Mal zurück­gewiesen hatte. Weshalb, Tschechinnen und Tschechen, stattet ihr diesen Milliardär denn wieder mit poli­ti­schen Machtattributen aus? Sein Vorgänger Petr Fiala mag ja nicht in jeder Beziehung das Gelbe vom Ei gewesen sein, aber ein anderes Kaliber als der Milliardärsbetrüger Babis ist er allemal. Abgesehen davon, dass man Menschen mit einem Vermögen von über 100 Millionen Euro sowieso das passive Wahlrecht entziehen sollte. Es ist allzu offensichtlich, dass man sich mit Geld Einfluss und Vorteile verschaffen kann. Selbstverständlich geht das auch über Parteien und Organisationen, aber die persönliche finanzielle Feuerkraft widerspricht allem, was in den Lehrbüchern über Demokratie geschrieben steht.

Dass die Demokratie als Begriff und als Praxis nicht in der besten Verfassung ist, wissen wir nicht erst seit der Wahl der Lastwagenhupe irgendwo in Übersee. Auch dass sich Rechtsextreme neuer­dings beharrlich auf die direkte Demokratie berufen, nämlich solange sie nicht an der Macht sind, das finde ich ebenfalls einen Verstoß gegen das Menschenrecht auf Vernunft und vernünftiges Handeln und vernünftige Argumente. Offenbar ist das zahlreichen Gegenständen der Demokratie, oder sollte ich sagen: Subjekten der Demokratie völlig wurscht. Aber ich kann nicht von Subjekten der Demokratie sprechen, solange sie sich derart radikal nicht um die Prinzipien der Demokratie scheren, und damit werden sie eben vom Subjekt zum Gegenstand. Wie auch immer: Ein gewisses Verständnis für die Gegenstände der Demokratie bringe ich jeweils auf, vor allem, wenn ich selber festhalte, dass es eigentlich nicht drauf an kommt, wer gerade an der Macht ist in unseren Demo­kra­tien. Die laufen mehr oder weniger im Blindflug vor sich hin, weil keine gesellschaftliche Kraft existiert, die zum einen das System mit Substanz ausstatten könnte, also eben die Gegenstände der Demo­kratie wieder zu Subjekten macht, zum Beispiel genau durch jene Regeln, welche die tsche­chi­schen Rechtsextremistinnen, aber auch zahlreiche Lautsprecher der Allianz für Deutschland befürworten, nämlich die direkte Demokratie. Diese ist noch nicht das Gelbe vom Ei, bedeutet aber doch einen Fortschritt im Vergleich zu den parlamentarischen Demokratien, wo sich der demo­kra­tische Einfluss und Eingriff auf die alle vier Jahre stattfindenden Wahlen beschränkt. Nein, das ist eben keine richtige Demokratie, das stimmt ebenso, wie dass diese Wahlen den Lauf der Dinge kaum einmal beeinflussen. Zum anderen sind wir nach wie vor auf der Suche nach einer gesell­schaft­lichen Kraft, welche jene variable Geometrie von Partikularinteressen aushebelt und Gesamtziele formuliert, welche eben keine Rücksicht nehmen auf die Hersteller von bayrischen Schweineohren. Allerdings existiert dieser Mangel nicht nur in Deutschland, sondern mehr oder weniger überall. Man möchte mit Nigel Farage brüllen: Reform UK!, beziehungsweise Germany!
oder France! oder Switzerland oder was auch immer. Danach müssten dann allerdings Analysen und Forderungen folgen, die deutlich anders lauten als die Schmonzetten des dummen Nigel.
Sprechen wir von etwas anderem. Auch in der Schweiz ist der Vereinigung der Vereinten Dumm­köpfe das staatliche Fernsehen ein Dorn im Auge, weil sich die Damen und Herren Redakteure standhaft weigern, ihre nationalistischen Parolen zu verbreiten; stattdessen bemühen sie sich um so etwas wie Journalismus, also eine Berichterstattung, die nicht von Milliardärinnen und Interes­sen­gruppen verzerrt und polarisiert wird. In der Praxis kann das nicht immer gelingen, das liegt in der Definition von Journalismus selber, aber das Bemühen wollen wir doch anerkennen. Wie gesagt, die völkischen Teile in der Schweiz ärgern sich über so etwas natürlich und haben nun einen zweiten Versuch laufen, der staatlichen Radio- und Fernsehgesellschaft das Wasser abzugraben. Es handelt sich um eine Volksinitiative, wie könnte es anders sein, welche die Gebühren beziehungsweise in ihrem Vokabular die Zwangsabgaben für die SRG halbieren will. Anfang März wird abgestimmt; im Moment ist das Kräfteverhältnis zwischen Gegnerinnen und Befürworterinnen ungefähr ausge­gli­chen. Meine persönliche Einschätzung ist die, dass sich die Schweizerische Volkspartei, also die Allianz nicht für Deutschland, sondern für die Schweiz, bei einer Annahme der Initiative selber ins Bein schießen täte, denn sie kann kaum irgendwo so viele Aufmerksamkeit erzeugen wie in den Fernsehkanälen selber auf der einen Seite, durch lautstarkes Gemotze gegen die gleichen Kanäle auf der anderen Seite. Trotzdem krakeelt sie zusammen mit anderen rechten Freischärlerinnen herum, was das Zeugs hält. Ein Detail vom Abstimmungsplakat der Rechtsnationalisten ist mir besonders aufgefallen: «Mehr Geld zum Leben», steht da, und tatsächlich würden die Bewohnerinnen ins­ge­samt einhundert Franken pro Jahr einsparen, das bringt finanziell gesehen eine markante Ver­bes­se­rung der Lebensqualität. Dreißig Rappen pro Tag. Mein lieber Schwan. Das steht argumentativ auf der gleichen Ebene, mit welcher Linke und Rechte eine Erhöhung der schweizerischen Mehr­wert­steuer ablehnen, die im Moment diskutiert wird, vor allem zur Finanzierung der neuen Auf- und Ausgaben für die Armee, und zwar im Umfang von 0.8 Prozentpunkten, beschränkt auf 10 Jahre. Dass diese zeitliche Beschränkung Augenwischerei ist, wissen alle Beteiligten, aber egal; hier geht es um das Argument, dass damit die Kaufkraft der Bevölkerung beeinträchtigt würde. Es ist das gleiche Argument wie jenes für die Halbierung der SRG-Abgaben, und beide sind falsch. Während das persönliche Budget keine Verbesserung erfährt durch zusätzliche 30 Rappen pro Tag, ist es im Fall der Mehrwertsteuererhöhung alles andere als sicher, dass die Preise steigen und so die Kauf­kraft beeinträchtigen. Der Einzelhandel wird sich hüten, eine direkte Umlage vorzunehmen. Auf der anderen Seite sind in den letzten Jahren nach der Pandemie die Preise gestiegen, ohne dass es eine Erhöhung der Mehrwertsteuer benötigte. Damit steht fest, dass in der demokratischen Aus­ein­an­der­setzung auch hier mit völligem Schwachsinn argumentiert wird. Auch das gehört zur Demokratie, mindestens zur direkten.

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Albert Jörimann
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