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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Sonneberg
Der neue Bürgermeister von Altenberg in Sachsen heißt André Barth, er übte sein Amt schon zuvor kommissarisch aus und ist Mitglied der AfD. Bei Altenberg scheint es sich um einen Luftkurort zu handeln, jedenfalls wurde die Kommune vor zehn Jahren in diesen Status erhoben beziehungsweise sie fuhr in diesen Status auf, nachdem der Status als Wintersportzentrum wegen des Klimawandels nicht mehr dauerhaft zu halten war.

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Vor 89 Jahren hatten die Nazis dort noch ihre Deutschen Ski-Meisterschaften ausgetragen, aber heute verspricht der Lufttourismus mehr Einnahmen. Ich gehe davon aus, dass sich der Fremdenverkehr, wie man den Tourismus auch nennt, strikt auf Bewohner:innen und Bürger:innen der ehemaligen DDR beschränkt, sonst wäre die Wahl eines Mitglieds der Allianz für Deutschland wohl etwas frivol. Nun – Glückauf, würde man da zunächst mal wünschen; in exekutiven Funktionen verfügen die Mitglieder der Allianz für Deutschland über ziemlich die gleichen Spielräume wie die Mitglieder anderer Parteien auch. Das gilt auch für einen Vorfahren, nein, Vorgänger von André Barth, nämlich den ersten AfD-Landrat Robert Sesselmann im thüringischen Sonneberg. Seine Wahlkampfparolen wie zum Beispiel «Weg mit dem Euro» hat der Landrat nicht wahrgemacht, in Sonneberg zirkuliert keine Alternativwährung. Auch die angekündigten Friedensverhandlungen mit Russland führt nicht Robert Sesselmann, sondern Wolodimir Selenski, und es ist ihm nicht einmal gelungen, etwas näher liegende Wahlversprechen einzuhalten wie den Erhalt einer Klinik oder einer Grundschule. Und am 19. Januar war auf der Webseite der Gemeinde zu lesen, dass das Standesamt zwei Tage lang schließen muss, angeblich wegen Umbauarbeiten, in Tat und Wahrheit aber vermutlich eher deswegen, weil keine Ehen mehr geschlossen werden in Sonneberg. Dafür lädt er Bürgermeister zum internationalen Frauentag ein mit den Worten: «Am Sonntag, den 8. März 2026 veranstaltet die Stadt Sonneberg zu Ehren ihrer Frauen wieder einen stimmungsvollen, geselligen und wertschätzenden Nachmittag. Von 14 bis 17 Uhr erwartet die Besucherinnen in der Wolke 14 eine liebevoll gestaltete Feier voller Begegnungen, guter Gespräche und fröhlicher Momente. Selbstverständlich gibt es wieder selbst gebackenen Kuchen.» Das ist schön. Kredenzt wird die Ware unter anderem vom parteilosen Sonneberger Bürgermeister Heiko Voigt, der sich zwar wohl auch über die Wahl des AfD-lers Sesselmann zum Landrat geärgert haben wird, noch mehr aber über die internationale Aufmerksamkeit, welche Sonneberg damit zuteil wurde. «Sonnebergs Identität ist nicht braun, sondern steht für Spielzeug, Weltoffenheit, Gastfreundlichekeit, Miteinander und kulturelle Vielfalt», sagt Voigt laut der Wikipedia; ich füge an: Ich habe da meine Zweifel.
Aber eben: Politik ist ein schmutziges Geschäft, auch aus Sicht der Allianz für Deutschland, denn wenn man einmal gewählt ist, und zwar nicht ins Parlament, sondern in die Regierung, dann bleibt einem nicht viel anderes übrig, als die Tagesordnungspunkte abzuarbeiten, die in der Regel wenig zu tun haben mit den hehren überregionalen oder gar überirdischen Zielen, wie sie eben auch Robert Sesselmann formuliert hatte. Das mehr oder weniger einzige, was man noch tun kann, ist es, die schützende Hand über die rechtsextremen Schläger zu halten, welche von Propagandaerfolgen wie eben der Eroberung des ersten Landratsamtes in Deutschland durch die Allianz für Deutschland angezogen werden; es waren eben nicht nur die internationalen Medien, welche darüber berichteten, sondern mit geschwellter Brust vor allem die Allianz für Deutschland selber, und das hat man dann davon, wenn man einen solchen Verein aufpäppelt. «Deutschland den Deutschen», heißt der Slogan, und wisst ihr was: Im Fall von Sonneberg und Altenburg könnt Ihr das gerne haben. Geschenkt, sozusagen. Wir brauchen eure deutsche Dummheit nicht, wir haben selber welche, die wir in eigenen nationalen und nationalistischen Kochtöpfen erzeugen.
Euer Bundeskanzler hat eine andere Person rechtsextremistischer Herkunft auf beide Wangen geküsst, nämlich Giorgia Meloni, welche den Ameisenhaufen Italien seit dreieinhalb Jahren regiert, was allein schon von der Dauer her sehr viel aussagt; zudem ist sie die erste Frau, die in Italien Regierungschefin ist, und wenn man sie so anschaut, hat man den Eindruck, sie würde sich eine ähnlich lange Amtszeit zutrauen wie die von Frau Merkel in eurem euch gehörenden Deutschland. Sie hat sich unterdessen offiziell vom Faschismus losgesagt, weil der eben nicht so recht ins Handwerk einer demokratisch gewählten Angehörigen der Regierung passt; daneben pflegt auch sie weiterhin die Animositäten gegenüber den Medien, welche sie wie ihre Schwestern und Brüder im Geiste der Linksliberalität beschuldigt und so weiter und so fort; aber politisch gesehen sorgt sie für eine Stabilität, die für das Land unerhört ist, und zwar eben nicht unter diktatorischen Vorzeichen, sondern ganz normal als Vorsitzende einer Regierung, in welcher zwar ebenfalls gestritten und intrigiert wird, wobei an dieser Stelle vor allem der Lega-Vorsitzende Matteo Salvini zu nennen ist, im Vergleich zu welchem Frau Meloni tatsächlich den Eindruck einer wahren Merkelin erweckt; aber Salvini hat es während der ganzen Zeit nicht geschafft, auf ähnliche Art und Weise für Unruhe zu sorgen, wie dies die Koalitionspartnerinnen in den früheren Mitte-Links-Regierungen jeweils geschafft haben. Nun kann man sich fragen, ob Ruhe und Stabilität tatsächlich als solche schon einen Wert haben und für Fortschritt stehen; im Fall von Italien muss man diese Frage aber auf jeden Fall bejahen.
Anlässlich des Treffens zwischen Merz und Meloni wurde oft von einer neuen Allianz zwischen Italien und Deutschland gesprochen, welche an die Stelle der bisherigen Allianz zwischen Frankreich und Deutschland treten könnte. Da würde ich mir mal nicht allzu viele Hoffnungen machen. Bei aller Stabilität besteht Italien aus einer extrem wackeligen Asymmetrie von Interessen in einem bunten Miteinander von verschiedenen historischen Zeit- und Kulturzonen, von der Supermoderne bis zu Organisationsformen aus dem Präkambrium, nein, natürlich nicht, aber gewisse Reflexe, die auf die Zeiten lange vor Julius Cäsar zurückgehen, beobachtet man immer wieder. All das ist nicht nur spannend und zum Teil sogar erregend, sondern eben auch stabil in einer Stabilität, die aus sehr viel Instabilität besteht; solche Konstrukte erweisen sich oft als viel dauerhafter als andere. Wie auch immer: ein doppelter Wangenkuss mit der Italienerin kann keinesfalls von Schaden sein.
Dafür macht der Goldpreis weiter Schlagzeilen, er bewegt sich weiter unermüdlich nach oben und schafft damit laufend weitere eigene Gipfel. Ein ehemaliger BlackRock-Manager sagte, so etwas habe er in seiner bisher 40-jährigen Tätigkeit auf den Finanzmärkten noch nicht gesehen. Die letzte vergleichbare Aufwärtsbewegung habe es gegen Ende der 1970-er Jahre gegeben als Folge des Ölpreisschocks und der großen Inflationswellen. Jetzt spricht die ganze Welt von den Bedenken der Finanzmärkte in Bezug auf die Unberechenbarkeit der Lastwagenhupe, was die Anleger:innen in die sicheren Häfen von Gold und Silber treibe und damit deren Kurs nach oben. Nun, man kann auch zur Seite schauen und sich ansehen, was auf den Finanzmärkten sonst so abgeht. Die Bewertungen der großen, vor allem der US-amerikanischen Unternehmen sind nämlich in einem ähnlichen Maße angestiegen, und zwar in uneingelösten Checks auf die Zukunft, denn niemand weiß, ob sich der Sprung von der Milliarden-Größenordnung in die Billionen-Größenordnung, also die Vertausendfachung auch wirklich in der Realität der Finanzmärkte bezahlt machen wird, ob er also anhalten wird oder ob er nicht, wie es eine goldene Regel will, zwischenzeitlich durch einen Stich in die Blase beendet wird, um dann erst recht neu zu beginnen. Das erscheint mir zwar logisch und wahrscheinlich, wobei man einräumen muss, dass die bisherige Logik, mit welcher man Wahrscheinlichkeiten kalkuliert hat, mindestens vorübergehend eine Auszeit genommen hat. Kurz gesagt: Man weiß es nicht. Dagegen kann ich sagen, dass ich die Absicht vollkommen unterstütze, Goldvorräte von europäischen Nationalbanken aus den US-amerikanischen Lagerbeständen zu repatriieren. Ich würde für den Transport allerdings zu einem Flugzeug eines europäischen Herstellers raten, mit anderen Worten, zu einem Gold-Airbus; Maschinen US-amerikanischer Hersteller würden vermutlich umgeleitet oder direkt einem Absturz zugeführt, wobei man aus dem Absturzkrater kein Gold mehr heraus holen könnte, weil die US-Amerikanerinnen dieses Gold schon vor dem Abheben des Flugzeuges gestohlen haben. Also: Mission Gold-Airbus ahoi! Und auch die andere Aktion, diese dänische App, die einem in den Verkaufsgeschäften anzeigt, in welchen Produkten wie viel US-amerikanische Herkunft steckt, worauf man diese Produkte dann bestreiken kann, diese App würde ich für alle Länder Europas und überhaupt der gesamten Welt empfehlen. Ich habe sie in der neutralen Schweiz gesucht, aber nicht gefunden. Nun, zum Teil benötigt man auch keine App, die größten Anbieter sind ja bekannt, Kellogg’s, Heinz Ketchup, Harley Davidson, Ford Motor Company, aber auch und vor allem Amazon als Liefergigant; hier könnte man wohl am schnellsten ansetzen, indem man allen Menschen empfiehlt, nach Möglichkeiten nie mehr etwas bei Amazon zu bestellen oder mit Amazon ausliefern zu lassen. Google kann man ersetzen mit DuckDuck-Go, was zwar auch englisch tönt, aber immerhin nicht zur Krake gehört und übrigens auch keine Tracker zulässt; bei den Computern dagegen muss ich zugeben, dass ich vorderhand nicht auf den Macintosh verzichten kann, während mir Microsoft und die Geräte, auf welchen es installiert ist, herzlich gleichgültig sind. – Daneben hat es die Staatengemeinschaft auch in der Hand, innerhalb von kurzer Zeit große Mengen US-amerikanischer Staatsanleihen zu verkaufen, das hat vielleicht auch einen besänftigenden Einfluss nicht auf den Goldpreis, aber auf die US-amerikanischen Finanzen.
Daneben muss man sich aber auch immer wieder vergegenwärtigen, dass im Produkte-Kosmos im Kaufhaus die US-Waren nicht einen dominanten Anteil aufweisen; die Werkbank der Welt steht nach wie vor in China beziehungsweise in jenen Ländern, die für chinesische Produzenten arbeiten. Das ist ja auch nicht lustig, wenn man die Angebotsmacht in politischen Druckmöglichkeiten misst. Nur steht im Moment halt schon die Lastwagenhupe akustisch derart im Vordergrund, dass man alle anderen Probleme vergessen möchte. Oder sind die Europäer:innen am Schluss gezwungen, ähnlich des Gekreischs der Lastwagenhupe wieder eigene Produktionskapazitäten in den eigenen Ländern aufzubauen? Dies wäre dann, industriearchäologisch gesprochen, eine weitere Entwicklungsphase nach Abschluss der Digitalisierung und der Globalisierung. Das ist nicht einmal vollständig krumm gedacht, so etwas gilt bekanntlich schon seit längerer Zeit für gewisse Güter im Luxusbereich, zu dem man auch den Bereich der Nachhaltigkeit und der biologischen Produktion zählen kann. Dies nun einfach wieder in der Breite ausrollen? Denkbar wär’s; aber über die Auswirkungen auf die international etablierten Handelsströme und unter anderem auch auf die Wirtschaft der Länder im globalen Süden müsste man sich hierzu erst einmal richtig Gedanken machen.
Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.
Albert Jörimann
27.01.