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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Das neue Evangelium

Am 1. April, dem Gründonnerstag vor Karfreitag und Ostern, habe ich eine Film-Première erlebt, natürlich nicht im Kino, sondern per Streaming, aber immerhin. Der Streifen heißt «Das neue Evangelium», eine Adaptation des Neuen Testamentes an heutige Zustände, wobei der zentrale Bibel-Punkt, nämlich die Tötung Gottes durch den oder die Menschen, nicht direkt im Mittelpunkt steht, sondern eher die Action bis zur Kreuzigung.

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Die Rolle des jüdischen Volkes spielen dabei Flüchtlinge aus Afrika, welche in Süditalien nicht nur am Rande der Legalität leben, sondern auch einen wesentlichen Teil der landwirtschaftlichen Arbeiten aus­füh­ren für Tagelöhne von 35 Euro, von welchen 5 Euro für den Transport auf die Felder abgezogen werden. Den Jesus gibt der schwarze Aktivist Yvan Sagnet, der sich seit mehreren Jahren für die schwarzen Schwarz­arbeiter einsetzt; seine Jünger rekrutiert er im Film in den Lagern in der Gegend von Matera, jene Ortschaft, die vor zwei Jahren Kulturhauptstadt Europas war, zusammen mit Plowdiw in Bulgarien. Matera ist auch jener Ort, an welchem Mel Gibson und Pier Paolo Pasolini ihre Jesus-Geschichten verfilmt haben, und in Milo Raus Geschichte spielen neben den Schwarzen auch ein paar Schau­spie­lerinnen mit, welche schon bei Gibson oder Pasolini mitgewirkt haben. Im «neuen Evangelium» sieht man zudem zwei, drei Ausschnitte aus Pasolinis «Vangelo secondo Matteo». Neben solchen zeitübergreifenden Verflechtungen berichtet Milo Rau auch von einer tatsächlichen Protest­bewe­gung der Landar­beiter und der paar Frauen, die ebenfalls in den Camps wohnen, die aber kaum auf den Feldern arbeiten, sondern, wenn überhaupt, auf der Straße.

Die verschiedenen Elemente entwickeln sich nach ihrer jeweils eigenen Dynamik. Da ist zum Beispiel neben dem Jesus-Gewerkschafter Sagnet auch ein italienischer Gewerkschafter, dem es aber irgendwann zu bunt beziehungsweise zu schwarz wird, worauf er sich mit Transparent, Megafon und fahrbarem Lautsprecher grummelnd vom Acker macht; man sieht die Unterkünfte der illegalen Einwandererinnen, wobei ein Camp vor dem letzten Abendmahl tatsächlich von der Polizei geräumt wird, und en passant sieht man fertig eingerichtete und bezugsbereite, vermutlich von der Euro­pä­i­schen Union finanzierte Wohncontainer, die von den italienischen Behörden aus unbekannten Gründen nicht frei gegeben werden. Einmal führt der Protest direkt ins Rathaus von Matera; er trägt zwar keine Früchte, wie man annehmen muss, vermutlich sind die dort schon gar nicht zuständig, was in Italien sowieso immer ein Problem, nämlich der Fall ist, aber der Bürger­meister übernimmt im Film immerhin die Rolle des Simon von Cyrene, der Jesus auf dem Passionsweg für eine kurze Strecke das Kreuz abnimmt. Man sieht die Rekrutierung der Jünger unter den Landarbeitern und dann vor allem die verschiedenen Aufrufe zum Protest, verbunden mit der Ankündigung eines Himmelreichs auf Erden; man sieht die unterschiedlichen Kräfte in den Lagern, die Besonnenen, die Pessimisten und die Heißsporne. Man sieht den Zug der Protest­be­we­gung in die Stadt und dann den Stimmungsumschlag im Volk, das nun von einem gemischten Publikum dargestellt wird aus Schwarzen, ItalienerInnen und TouristInnen sowie den alten Schau­spielerinnen aus den Vor­gän­ger­filmen. Hier kommen gegen den abschließenden Höhepunkt der Kreuzigung hin nun auch histo­ri­sche Filmkostüme zum Einsatz, vor allem Legionärs­uniformen; der Film nimmt allerdings schon zuvor verschiedene Motive der filmischen Bibelerzählung auf mit Stimmungen, Landschaften, dem letzten Abendmahl, dem Gang Jesu über das Wasser, der Taufe durch Johannes den Täufer, die an Yvan Sagnet vom gleichen Schauspieler vorgenommen wird, der sie schon bei Pasolini gespielt hat. Kurz zuvor durchlebt das Filmpublikum einen anderen kurzen Höhepunkt, nämlich die reichlich sadistische Darstellung der Geißelung Christi, die von einem Salvini-Italiener an einem schwarzen Plastikstuhl durchexerziert wird mit obszönen rassistischen Witzen und auch sonst dem Vokabular des italienischen Unmenschen, das man nicht nur in den Fußballstadien zu hören bekommt.

Aber das bleibt eine Episode, eigentlich die einzige Szene, welche nicht durch einen Erkenntnis- oder Verfremdungseffekt über das reine Filmhandwerk hinaus erhoben wird. Der Rest des Films hält jenes Gleichgewicht, das man benötigt, um sich das gewaltige Thema überhaupt zu Gemüte zu führen, denn dass es sich hier, also bei der Flüchtlings-, Migrations- und Landarbeiter-Frage um ein wahrhaft biblisches Thema handelt, das wird einem schnell klar. Milo Rau lässt einem aber jederzeit den Raum zum Nachdenken und zum Relativieren vollkommen offen. Er ist jederzeit Teil des Filmes, diskutiert mit den Darstellerinnen, mit seinen Kameraleuten; auch die anderen Beteiligten verweisen regelmäßig aus dem Film hinaus oder im Film selber auf andere Stellen, sei es aus früheren Filmen oder in diesem Streifen selber. Zum Beispiel zeigt der zirka achtzigjährige ehemalige und aktuelle Johannes-Darsteller auf die Bergkuppe gegenüber von Matera und sagt zu Sagnet: Dort wirst du später gekreuzigt, die Löcher von Pasolini und von Mel Gibson sind immer noch vorhanden, da braucht man die Kreuze nur hineinzustellen, zack, schon fertig. Diese Art der Verfremdung bekommt dem Werk ausgesprochen gut, ebenso übrigens wie die rein filmischen Elemente, zum Beispiel die raren Landschaftsaufnahmen, erneut das wunderbar gefilmte letzte Abendmahl oder die knappen Andeutungen eines dunklen Gewitters. Zahlreiche Assoziationsstränge werden übereinander gelegt und miteinander verflochten, sodass man am Schluss tatsächlich sagen möchte: Der Vorhang zu, und alle Fragen offen – und das ist eine Leistung, welche nicht besonders viele Filme erbringen. Wenn Ihr also, geschätzte Hörerinnen und Hörer, mal Zeit habt, schaut Euch diesen Streifen an, auf dasneueevangelium Bindestrich film Punkt ch. Man kann auf dieser Seite sogar noch irgendwelche Merchandising-Produkte einer Selbsthilfe-Kooperative bestellen, Tomatenkonzentrat und solche Dinge.

Die Flüchtlingsfrage hat tatsächlich biblische Dimensionen angenommen, in erster Linie seit dem Durchbruch der Mobiltelefonie, und das ist unterdessen auch schon zwanzig Jahre her. Weshalb sollte auch nur eine einzige Person in der Dritten Welt sich kein Leben wie in der Ersten Welt wünschen, wenn sie doch so greifbar nahe liegt? Man braucht nur ein paar Länder und Wüsteneien zu durchqueren und am Schluss noch über den Mittelmeer-Teich zu paddeln. In Amerika ziehen die unternehmerischen Bevölkerungsschichten aus Guatemala, Honduras und El Salvador durch Mexiko und üben jenes große Missverständnis aus, dass der neue Präsident der Vereinigten Staaten die Türen weit machen und die Tore öffnen wird, was allerdings schon vor der Trumptrompete nicht der Fall war und auch in absehbarer Zukunft nie der Fall sein wird; bloß kleidete die Trump­trompete den Sachverhalt nicht in schöne Worte, welche einen Rest von Verständnis von Menschenrechten und der eigenen Verfassung aufschimmern ließen, sondern war so platt wie der Taliban in Timbuktu, nein, das waren ja die Ansar-Dine-Islamisten, die Taliban haben bloß die Felsstatuen von Bamyan zerstört. Jetzt stehen sie da im Norden Mexikos, haben alle 2000 bis 6000 Dollar pro Person an die Schlepper-Organisationen bezahlt, übrigens in etwa gleich viel wie die Flüchtlinge aus Afghanistan, es scheint sich hier ein globaler Preis herausgeschält zu haben, welcher für Mikro- oder Makro-Ökonominnen nebenbei noch etwas über die Sparquote in diesen Ländern aussagt, aber wie auch immer und ob man die Lage im Ernst betrachtet oder, wie ich, mit dem Versuch, noch einen gewissen Verfremdungseffekt in die Sache zu bringen, über die Feststellung, dass es sich bei der Migrationsbewegung um ein Problem biblischen Ausmaßes handelt kommt niemand hinweg.

Mit dieser Feststellung bin ich auch einer Antwort enthoben, mindestens einer Grundsatzantwort; daneben gelten die Prinzipien, dass die reichen Gesellschaften auf jene Menschen, die nun mal schon hier sind, die Grundsätze der möglichst guten Integration, Ausbildung, Beschäftigung und so weiter anwenden sollen und dass man sich bemühen sollte, im Rahmen der Möglichkeiten die Verhältnisse in den Herkunftsländern zu verbessern.

Auch das ist nicht einfach, wie zum Beispiel der Chineserer und die Chinesererin genau wissen, welche sich jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten verbieten. Das tue ich übrigens auch, es sei denn, ich läge im Spital. So eine schöne Koloskopie ist natürlich eine sehr große Einmischung in meine inneren Angelegenheiten, aber wenn es denn für einen guten Zweck ist... Der Chineserer und die Chinesererin dagegen wollen gar nichts wissen von kritischen Kommentaren zu den Umerziehungslagern für Uiguren, sie wollen noch nicht mal etwas wissen von Kritik an der Ausdehnung ihrer Seehoheit über die Aufschüttung von künstlichen Inseln, weil das nach der Aufschüttung automatisch innere Angelegenheiten sind, und falls sie in absehbarer Zeit mal Taiwan überfallen, so wären auch dies zweifellos innere Angelegenheiten der Volksrepublik China, in welche sich bitteschön niemand und schon erst recht nicht die USA vermittels ihrer Streitkräfte einmischen sollen. Umgekehrt sorgen die chinesischen Botschaften durchaus aktiv durch die Eimischung in die inneren Fernsehprogramme zum Beispiel Frankreichs dafür, dass die Ausstrahlung von unliebsamen Beiträgen, Interviews und dergleichen abgesetzt oder allenfalls während der Ausstrahlung gestört werden, man sieht, der Begriff der inneren Angelegenheiten ist in der chinesischen Lesart sehr weit gefasst, derart weit, dass er seine Begrifflichkeit völlig verloren hat und nur noch heißt: Wenn es China gefällt, darf China alles.

Dies halte ich persönlich nun für eine sehr instabile Grundlage für die Beziehungen der Völker untereinander, einschließlich oder vielleicht sogar an vörderster Stelle für das internationale Vertragsrecht und -geflecht. Das sollte jemand, die oder der Mandarin spricht, den Chinesererinnen mal schonungslos mitteilen. Zweifellos sind an die Volksrepublik China weniger strenge Maßstäbe anzulegen als an die Vereinigten Staaten von Amerika, da sich dieses Land im Moment immer noch seinen Platz an der Weltspitze einrichten, ihn befestigen und verteidigen muss, vor allem gegen die USA, ganz logisch. Aber das internationale Vertragsrecht und das Völkerrecht sollten doch auch für die Sozialistische Einheitspartei Chinas nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eben die Grundlage bilden – nicht nur für die Außen-, sondern auch für die Innenpolitik. Dies ist eben kein Problem biblischen Ausmaßes, sondern nur eines des mittelfristigen Eigeninteresses des Landes China, unabhängig davon, ob es sich in Zukunft als Demokratie, als Volksdemokratie, als Kaisertum oder als Parteidiktatur organisieren will.

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Albert Jörimann
06.04.

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