Aktuell

Das Programm von heute
08:00 Unterdessen...
Das Magazin ...
11:00 N.I.A. - nackt im aquarium
feministisches auf Radio F.R.E.I.
12:00 handmade
Regionale Musik
13:00 Offene Sendefläche
nach § 34 ThürLMG
15:00 Auf die Ohren!
Musik und Gäste
17:00 Osmose
Sendungen Freier Radios
18:00 Unterdessen...
Das Magazin ...
20:00 Bildung in Thüringen
Bildungsmagazin
21:00 Hitbattle
Musikdomino
22:00 Jamaica Feelings
Reggae, Ska, Dub
01:00 Call it Love
Electronic Beatz
03:00 Fresh Files
Electronic Music

"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Atomkraft tadamm

Man kann von Norwegen nicht im Ernst verlangen, dass es im laufenden Rennen um die Rohstoffe in der Arktis den Schwanz einzieht und den Mitbewerber:innen das Feld überlässt.

artikel/Aus neutraler Sicht/J_KW_42_200px.png


>> Download

Der Entscheid der neuen Regierung, in der Exploration neuer Felder und Vorkommen fortzufahren, ist in diesem Sinne höchst verständlich und richtig; sollten sich die Mitglieder des Arktis-Rates dazu entschließen, auf die Ausbeutung der entsprechenden Reserven mindestens vorübergehend zu verzichten, was ebenso schön wie unwahrscheinlich wäre, dann würde sich Norwegen zu Recht daran halten, nicht aber an allgemeine Aufrufe der Europäischen Union, die überhaupt keinen Zugang zur betroffenen Region hat.

Die momentane Energiekrise produziert die absehbaren Blüten, vor allem im Bereich der Atom­kraft. Die Französ:innen beharren seit Langem auf dieser supergrünen Elektrizität, ganz ohne Co2-Ausstoß, bloß mit 15'000 Jahre lang strahlendem Müll und einem Super-GAU alle 25 Jahre, der nächste kommt also 2036, aber vielleicht schon früher und vielleicht in einem Atomkraftwerk der allerneuesten und allersichersten Generation. Der ehemalige Ostblock steht bis auf die DDR und zwei baltische Staaten geschlossen, vielleicht weniger hinter Frankreich als vielmehr seinem Atom-Konzern Areva, und die Nordflanke bildet Finnland. Manchmal ist es schon etwas ärgerlich, mit welchen Uralt-Rezepten und -Argumenten man sich herum schlagen muss.

Im April vor einem Jahr bezahlten Rohölhändler für einen kurzen Moment bis zu 40 Dollar pro Fass, um den Stoff loszuwerden. Negativzinsen umgesetzt auf Rohstoffe, sozusagen, von wegen Corona-Krise mit sinkender Produktion, Nachfrage gleich unter null und so weiter. Jetzt ziehen die Märkte wieder an auf ihr natürliches Gleichgewicht, was zur Folge hat, dass die Grundsätze aus dem Lehrbuch der Betriebswirtschaft für eine gewisse Zeit außer Kraft gesetzt sind, neben der Energie auch bei den Lieferketten. Just-in-Time-Produktion? Kannst Du vergessen. Sogar die Papierindustrie hängt wegen Nachschubproblemen in den Seilen. Und wie sollen wir denn nun all den Produkten den ihnen zugehörigen Mikrochip einpflanzen, wenn das Material dafür fehlt? So ein Mist.

Trotzdem stehen die Chancen gut, dass der internationale Kapitalismus in seiner aktuellen Ausgestaltung diese Engpässe überwinden wird und in den nächsten sechs Monaten auf seinen geordneten Wachstumspfad zurückkehren wird, der im Anschluss daran wieder von den schon Tradition gewordenen disruptiven Entwicklungen geprägt sein wird, im Gegensatz zu diesem Corona-Taucher, der zwar verschiedene Traditionen und Denk- und Handlungsmuster verändert hat, nicht aber das Funktionieren der Wirtschaft als Ganzes. Damit werden wir uns ab 2022 wieder beschäftigen.

In der Zwischenzeit blicken wir wieder mal in die Türkei. Der Herold des freien Unternehmertums, den ich seit ein paar Monaten regelmäßig lese, weil ich ihn irrtümlicherweise abonniert habe, nämlich die Neue Zürcher Zeitung, publizierte am 13. Oktober einen Beitrag zum Thema unter dem wie gewohnt außerordentlich unzutreffenden Titel «Ankaras Panthersprung nach Afrika». Immerhin geben die Informationen über die bisherige Investitionssumme der Türkei in Algerien von 5 Milliarden Dollar und über die bereit liegenden Milliarden für Libyen, neben den beiden Marinestützpunkten in Tripolis und Misrata und dem Luftwaffenstützpunkt in al Watiya nahe der tunesischen Grenze, ein paar Anhaltspunkte zum konkreten Ausmaß des Engagements; von den Sorgen des marokkanischen Kleingewerbes, das sich von türkischen Billigprodukten in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlt, habe ich hier bereits gesprochen. Daneben haben offenbar türkische Ingenieure zum Beispiel am chinesisch finanzierten Schienennetz in Tansania mitgewirkt; in Somalia bilden dieTürken tausende von somalischen Soldaten aus für den Kampf gegen die Al-Shabab, und in Sawakin im Sudan halte sie einen Brückenkopf am Roten Meer. In der Hauptstadt von Niger, Niamey, soll eine weitere türkische Luftwaffenbasis entstehen; der Erdopampel will so den teilweisen Rückzug Frankreichs aus dem Subsahara-Raum ausnützen. Eine wichtige Rolle beim Aufbau des wirtschaftlich-diplomatischen Netzes spiele die Turkish Airlines, schreibt die NZZ weiter. Das alles zeigt auf jeden Fall den Willen und die konkreten Bemühungen des Erdopampels auf, sein Land in eine gehobene Einflusssphäre hinauf zu pumpen. Ob dafür aber wirklich ausreichend Masse vorhanden ist, in erster Linie Geld, darf bezweifelt werden. Mit seinem Bruttoinlandprodukt von 2.5 Billionen Dollar (zu Kaufkraftparität, laut dem CIA Fact Book) bei einer Bevölkerung von 82 Millionen Menschen spielt das Land zwar schon in einer ähnlichen Liga wie Deutschland mit 3.8 Billionen Dollar, ist in der Struktur aber kaum vergleichbar, wie die 310 Milliarden Dollar Exporte bei 260 Milliarden Importe zeigen; für Deutschland liegen die Werte bei Exporten im Wert von 2 Billionen Dollar und Importen für 1.8 Billionen. Bei den Gold- und Devisenreserven liegen die beiden wieder näher beisammen mit 107 Milliarden für die Türkei und 200 Milliarden für Deutschland.

Nun wissen wir aus der Geschichte Deutschlands, dass sich die militärische Aufrüstung durchaus jenseits von internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen durchziehen lässt; manchmal scheint es dafür bloß den richtigen Schwiegersohn zu benötigen wie im Fall von Erdopampel den Drohnenbauer Selçuk Bayraktar. Da kann man sogar den anderen Schwiegersohn Berat Al Bayrak als Finanz­minister einsetzen, ohne dass der irgendwelche andere Qualifikationen aufweisen täte als die des Schwiegersohns, und trotzdem geht das Finanzkarussell weiter, auch wenn die türkische Lira grausame Kursverluste erleidet. Aber der Erdopampel ist nicht Hitler, die Türkei nicht Deutschland in den Grenzen von 1933, und vor allem ist die Türkei kein neues China. Die wirtschaftlichen, politischen und militärischen Großmächte beobachten die Entwicklung in diesem Land mit Argusaugen, wovon das schärfste wohl aus Griechenland blickt. Dort wurde letzte Woche das Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit mit den USA verlängert und vertieft; es geht vor allem um US-Stützpunkte an der türkischen Grenze sowie in Kreta. Frankreich, das aus Perspektive des NZZ-Artikels der größte Rivale des Erdopampels in Afrika nördlich und südlich der Sahara werden müsste, hatte schon zuvor ein Verteidigungsabkommen mit Griechenland unterzeichnet. Es ist offensichtlich, dass der Erdopampel schon längst nicht mehr im Geheimen zu expandieren versucht, sondern auslotet, was es im Mittelmeer, im Kaukasus und eben in Afrika erträgt, nicht zuletzt gegenüber den europäischen Mitbewerbern, welche er mit seiner türkischen Atomwaffe, nämlich einem Flüchtlings-Sprengstoffpotenzial von 5 Millionen Stück in Schach hält; aber auch hier dürfte die Geduld in Brüssel nicht endlos sein. Auch auf Seiten Russlands hält sich die Begeisterung über den Erdopampel wohl in Grenzen; er reizt die Grenzen des russischen Machtbereiches schon sehr stark aus, namentlich mit der Intervention zusammen mit Aserbeidschan in Berg-Karabach, mehr dürfte da nicht drin liegen. Die einzigen zuverlässigen Partner bilden China, das sich aber militärisch niemals für Ankara engagieren wird, und Israel, dessen Selbsterhaltungspolitik um jeden Akteur an seiner Seite froh ist. Ich hatte ursprünglich auch an Israel gedacht als Lieferant für die Bayraktar-Drohnen-Baupläne, und ich bin immer noch nicht überzeugt davon, dass es sich anders verhält, auch wenn man jetzt sagt, die Lenksysteme stammten von einem US-amerikanischen Lieferanten, der Antrieb aus Österreich und so weiter und so fort. Respekt vor diesem Produkt haben sie auf jeden Fall alle, sogar deutsche Quellen lassen sich dahingehend verlauten, dass die meisten Nato-Länder nicht in der Lage wären, eine Angriffswelle von Bayraktar-Drohnen abzufangen.

Nur, weshalb sollte der Erdopampel beziehungsweise sollten seine Generäle die Nato angreifen? Das ergibt alles null komma null Sinn. Sogar für eingefleischte Anhänger des kalten Krieges ist ein Szenario mit dem Erdopampel als Laufbursche von Putin schlicht nicht vorstellbar. Und genau auf dieser übergreifenden strategischen Ebene kann ich mir auch beim besten Willen keinen Panther­sprung der Türken auf den afrikanischen Kontinent vorstellen – eine kleine Rolle im Militär­geschäft, warum nicht, mit ein paar daran angehängten Wirtschaftsavancen, das durchaus, aber von einer umfassenden Umarmung auch des ärmsten Landes Afrikas durch die Türkinnen und Türken habe ich bisher noch nichts gehört. Stattdessen lautet die Rechnung wohl so, dass die Türkei mit der erweiterten Präsenz in der ganzen Region so viel Gewicht erhält, dass sie in ihrer Nachbarschaft, also in Syrien und in der Ägäis, endlich mal jene Fortschritte beziehungsweise Akquisitionen machen kann, welche sie seit Jahrzehnten für überfällig hält. Das Verdienst des Erdopampels wird es also sein, die Verhandlungsposition auf eine Art aufzubauen, dass ein Nachfolger bei Gelegen­heit die Früchte einheimsen kann. Aber bis es soweit ist, müssen dem Erdopampel noch viele Enkel geboren werden. Im Moment sieht es ja wirklich so aus, als würde er sich dieses Land zu einem Familienbetrieb umbauen, in welchen dann logischerweise auch ein Nachfolger aus der Familie eingesetzt würde. Aber solche Prozesse sind schwierig, vor allem, wenn der Erdopampel seine Schwiegersöhne mit derart ähnlichen Namen ausstattet. Albaykar, Alraktar, da verwechseln vermutlich die Spitzen der Armeeführung fortwährend die Personen. Vielleicht bricht zwischen den beiden auch ein Schwiegersohn-Krieg aus.

Und zum Schluss und pro Forma: Ich habe zwangsläufig mitbekommen, dass die beteiligten Parteien nun den Auftrag zu offiziellen Sondierungsverhandlungen für eine Ampel-Regierung erhalten haben. Was ich davon halten soll, weiß ich grad nicht. Grundsätzlich erscheint mir Christian Lindner als gewaltiger Unsicherheitsfaktor. Anderseits hat er sich bei den Verhandlungen vor vier Jahren derart bös in die Nesseln gesetzt, dass er jetzt vielleicht mindestens vorübergehend stillhält, wenn er ein anständiges Ressort und die Zusicherung bestimmter Schlagzeilen in den ersten Monaten kriegt. Insofern ist ein baldiger Start dieser Koalition durchaus denkbar.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
19.10.

Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen


Optional, wird nicht veröffentlicht.