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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Überwachungskapitalismus

Letzthin bin ich über einen Begriff gestolpert, der mich ärgerte wegen seiner floskelhaften Inhalts­leere, nämlich der «globale Überwachungskapitalismus». Die Bezeichnung bringt nichts bei, erhellt nichts und ist als Kategorie unbedingt untauglich.

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Dass der Kapitalismus seit Generationen globale Dimensionen angenommen hat, darf vorausgesetzt werden, einmal abgesehen davon, dass Lenin den Begriff Imperialismus vor mehr als hundert Jahren in die Welt gesetzt hat; die weitere Ent­wick­lung über den Zweiten Weltkrieg, die Dekolonialisierung und heute vor allem mit der vollendeten Arbeitsteilung, Vollautomation, Lieferketten und all dem weiteren Schnackzeuchs ist ebenfalls Grundlagenwissen. Insofern ist es keine besondere Denkleistung, wenn man den Begriff globaler Kapitalismus verwendet, aber immerhin nicht geradewegs falsch. Dagegen führt die Bezeichnung Über­wa­chungskapitalismus zwei Dinge zusammen, die nach wie vor zu trennen sind, nämlich die Ökonomie und die Art ihrer Machterhaltung, also Wirtschafts- und Herrschaftssystem, was man nicht vermischen sollte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Urheber:innen eigentlich vom Daten­kapitalismus sprechen wollten, der wirtschaftlich im Moment den heißen Shit darstellt. Das Sammeln und der Zugang zu Kund:innendaten hat die Hälfte der Weltbevölkerung direkt auf das Radar und in den Zugriffsbereich der Riesenkonzerne Amazon und Google geführt, welche gerade deshalb zu Riesenkonzernen geworden sind; mit dieser Rationalisierung im Rahmen der Globa­li­sie­rung war nicht in dieser Radikalität zu rechnen, sie hat sich innerhalb eines Jahrzehnts eingerichtet und ist nicht mehr wegzudenken, von wegzuputschen schon gar nicht zu sprechen. An die Seite dieser Datenwirtschaft tritt die vollständige Durchdringung des Alltags mit nützlichen Anwen­dun­gen; schließlich ist der Mensch von Natur aus faul, deshalb ist er dankbar, wenn ihm Siri und Alexa die überaus anstrengende Arbeit der Betätigung des Lichtschalters abnehmen. «Siri, mach das Licht aus, mach die Musik ein, ein bisschen Elton John, und spiele doch diese neue HBO-Serie ab und sag dem Kühlschrank, er soll die Tiefkühlpizza in den Mikrowellenofen schieben und den Chardonnay bereitstellen», so wird ein moderner Couch Potato heute von den digitalen Dienst­boten gehätschelt, produziert damit seine Daten und braucht in wenigen Tagen nicht mal mehr Anweisungen zu geben, das Programm, dem Siri und Alexa ihre Stimme verleihen, weiß eh schon alles von den Bedürfnissen des Individuums.

Die Kategorie Über­wa­chung ist diesem wirtschaftlichen Effekt nachgeordnet, sofern man nicht gerade vom chinesischen Kapitalismus spricht, der tatsächlich zentral organisiert und insofern ein perfekter Überwachungskapitalismus ist – allerdings fußt das chinesische Kapitalismus-Modell von Beginn an auf der Gleichstellung des Wirtschafts- mit dem Herrschaftsapparates, was eben in den Ursprungsländern des Kapitalismus nicht so direkt verlief. Auf globaler Ebene funktioniert das chinesische Modell nicht, mindestens im Moment, da sind die Interessenlagen zu unterschiedlich. Die Amerikaner:in lässt die Chineserer:in nicht in ihren Einflussbereich und umgekehrt, Französ:in­nen und Engländer:innen hauen sich gegenseitig auf die Pfoten und sichern so als Nationalstaaten einen Rest an individueller Freiheit, wenn man als Schreckensvision die Vorstellung einer voll­stän­dig vernetzten Welt unter dem Schirm allwissender Programme mit sich trägt. Wir sind noch nicht so weit.

Aus dem Datenkapitalismus kann sich ohne Problem ein Überwachungskapitalismus entwickeln, was dann wieder eine Frage des Herrschaftssystems wäre. Vorderhand geht es bei den Daten aber in erster Linie um die Optimierung des Menschen als Konsument:in. Welche Konserven frisst sie oder er, wohin reist sie oder er im Urlaub, welche Netflix-Serien schaut man sich an, welche Musik wird gestreamt, ist sie oder er bereit, für umweltfreundliche Produkte mehr zu bezahlen; all dies ergibt zusammen mit den Informationen über die Kaufkraft das ideale Bild vom jeweiligen Kon­su­ment:in­nen-Subjekt. Das hat nicht prioritär mit Überwachung zu tun, sondern mit Statistik, auch wenn die Erfassung weit über die Produkte hinaus geht und je länger desto mehr die Verhaltensweisen der Individuen umfasst. Das wiederum bedeutet zunächst nur einen Rationalisierungsschritt für die Marktforschung, denn der globale Kapitalismus bedient sich dieses Instrumentes bekanntlich auch schon seit Jahrzehnten, um sich die übelsten Fehlinvestitionen zu ersparen.

Seit der Facebook-Besitzer Zuckerberg seine Strategie vorgestellt hat, die Menschheit nicht in das physische All zu befördern, sondern geradewegs in ein digitales Parallel-Universum, muss man sich auch mit dieser Frage beschäftigen, soviel ist klar, und zwar unabhängig von der Tatsache, dass Zuckerberg mit seiner angeblichen Zukunftsvision eher von den ungewollten Ausschlägen des sozialen Netzwerks in der Gegenwart ablenken wollte als die Zukunft beschwören. Trotzdem: Im Metaversum, egal ob in jenem von Zuckerberg oder in einem anderen, herrscht eine Art von Weltfrieden, in dem auch Weltdiktatoren ihre Phantasie ausleben können, ohne dass dabei ein Schuss fällt oder ein Tropfen Blut fließt. Sie können in ihrer Phantasie sogar die berühmten Hekatomben von Blut und Menschenleben vergießen, die Göbbels im totalen Krieg nicht nur versprach, sondern das Versprechen auch einlöste; im Metaversum bleibt das folgenlos. Ein durchschnittlicher Mensch aber wird im Metaversum nur seine inniglichen Wünsche befriedigen, also zum Beispiel einen Opel Caravan erwerben und durch den Thüringer Wald brettern. Wenn es ein ganz kühner durchschnittlicher Mensch ist, wird er in einem Offroader 4x4 Subaru abseits der Straßen die Waldwege unsicher machen.

Ob das am Schluss klappt und wie weit die Überwachung im Metaversum überhaupt nötig ist, ganz abgesehen davon, dass das Metaversum sämtliche Initiativen und Bewegungen seiner Bewohner:in­nen kennt und speichert, kann ich nicht beurteilen. Was ich aber beurteilen kann, das ist die gewaltige Kluft, die sich zwischen dem Datenuniversum und der realen Welt im Süden des Planeten auftut, die nächste in der epischen Reihe an Klüften zwischen Nord und Süd. Es wäre zum Beispiel sehr schön, wenn die Brandrodungen im Regenwald Brasiliens nur noch im Metaversum stattfän­den. Aber die normale Brandroder:in in Brasilien hat keinen Zugang zu Computern und Internet, nur zu Macheten und Zunder, eventuell noch zu Knete, die sie von jenen Großbauern und Viehzüchtern erhalten, die ihre Latifundien um ein paar Quadratkilometer ausdehnen wollen dank der Eigeninitiative der landlosen Landarbeiter:innen. Die Kluft zeigt sich auch an anderen Orten. Zur Illustration lese ich folgenden Abschnitt aus dem Zürcher Tages-Anzeiger vom 20. November ganz einfach vor, es geht um die demokratische Republik Kongo respektive ein Datenleck, das letzte Woche publik wurde: «Laut einem Beitrag des französischen Medienhauses Mediapart gelangten zwischen 2013 und 2018 mindestens 138 Millionen Dollar direkt über die Bank BGFI zum Kabila-Clan. Hinzu kommen mehr als 100 Millionen Dollar, die via GBFI-Konten bei der kongolesischen Zentralbank geflossen sind. (...) Die Demokratische Republik Kongo ist etwa so groß wie Westeuropa und zählt rund 100 Millionen Einwohner. Gemessen am Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist sie das sechstärmste Land der Welt. Das veruntreute Geld stammte von verschiedenen staatlichen Institutionen, darunter die Zentralbank (50 Millionen), das staatliche Berg­bau­unter­neh­men Geca­mines (20 Millionen Dollar) oder der nationale Strassen­unter­halts­fonds (10 Millionen Dollar). Selbst rund 7 Millionen Dollar an Hilfs­geldern der Vereinten Nationen für die kongo­le­si­schen Blauhelme wurden abgezweigt. (...) Das wichtigste Vehikel für die Veruntreuung war eine Phantom­gesell­schaft namens Sud Oil. Sie gehörte der Schwester von Joseph Kabila und der Ehefrau des Direktors der Bank BGFI Kongo. An der Bank war Kabilas Schwester ebenfalls zu 40 Prozent beteiligt. Der Bankdirektor seinerseits ist der adoptierte Bruder von Kabila und amtete als Chef der Sud Oil. Gemäß der «Congo Hold-Up»-Recherche erhielt Sud Oil im letzten Jahrzehnt 92 Millionen Dollar aus der Kasse des kongolesischen Staates, davon 51.5 Millionen von der Zentralbank. Der größte Teil dieses Geldes wurde dann in bar abgehoben. Daneben überwies Sud Oil auch rund 12 Millionen Dollar auf ein Konto bei der UBS in Genf. Knapp die Hälfte davon kam vorher von der kongolesischen Zentralbank zu Sud Oil.»

So wird die Realität in Afrika noch ein paar Jahre lang aussehen; der neue kongolesische Regie­rungs­chef Felix Tshisekedi steht zwar für die langjährige Opposition im Land, konnte sein Amt aber erst nach Absprachen mit dem Kabila-Clan antreten und dürfte die Bereicherung am kongo­le­si­schen Staat zugunsten seines Clans ebenfalls zum Programm haben. Zu seinen Gunsten wie auch zu jenen Kabilas muss man nachtragen, dass ein Land wie die Demokratische Republik Kongo nicht regierbar ist nach unseren Kriterien, es ist zum Teil noch nicht einmal erschlossen, der Staat ist auf der Hälfte des Territoriums gar nicht erst präsent, rivalisierende Stammes- und Clangruppen und -truppen auch aus den umliegenden Ländern bekämpfen sich oder koalieren miteinander, die notorischen internationalen Konzerne beuten unter diesen Verhältnissen nach bestem Können die Rohstoffe aus, also unter Entrichtung von Abgaben an diese Gruppen und Truppen, abgesehen von der Bestechung der Zentralregierung, die man korrekterweise gar nicht Bestechung, sondern einfach Bezahlung nennen müsste. Wie gesagt: So wird die Realität in Afrika noch ein paar Jahre lang aussehen, nicht überall gleich wie in der DemokratischenRepublik Kongo, aber halt auch nicht unseren Standards entsprechend; bei all dem ist aber ein gewaltiger Entwicklungsprozess im Gang, der seinerseits nicht nach den Regeln der Gendergerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und der Tier- und Pflanzenrechte abläuft, aber immerhin stürmisch nach vorne drängt, und das halte ich für die wichtigste Tatsache am Ganzen. Eben: Mit dem Metaversum hat das nichts zu tun, wogegen die sozialen Netzwerke in Afrika eine noch viel wichtigere Rolle spielen als bei uns, nicht für die sozialen Kontakte, sondern für die wirtschaftliche und zum Teil militärische Organisation.

Aber zurück nach Europa beziehungsweise in die Schweiz, wo die ImpfgegnerInnen nicht wie in den Niederlanden oder in Österreich gegen die Verschärfung der Corona-Vorschriften auf die Straße gehen, sondern mobilisieren für ein Nein zur Abstimmung über das neue Covid-Gesetz vom nächsten Sonntag. Diese Mobilisierung ist derart vielfältig und flächendeckend, dass man rein formal Gefallen daran finden muss. Die Inhalte dagegen sind gleich bekloppt wie überall sonst; die Jungs und Mädels demonstrieren für das Demonstrationsrecht, sie demonstrieren für die Meinungs­frei­heit und für die Grundrechte, die ihnen nicht im Geringsten beschnitten werden, wie dies die Abstimmung selber zeigt; im Kern pflegen sie eine durch und durch heidnisch-barbarische Ableh­nung von Impfung und Impfzertifikat respektive der Zertifikatspflicht, eben, wie überall sonst in der entwickelten Welt. Auf die Argumente brauche ich nicht einzutreten. Oder muss man im Ernst erklären, dass in Moderna und Pfizer/Biontech weder Quecksilber noch Mikrochips verarbeitet sind? Nein. Wer so etwas glaubt und sich dabei auf Informationen aus dem unendlichen Internet stützt, ist schlicht hinüber. Dagegen ist ein Aspekt neu, nämlich die Ablehnung des Ab­stim­mungs­resul­tats schon vor der Abstimmung. In der Tat zeigen die Umfragen eine Zu­stim­mung zum Covid-Gesetz von gut 60% der Bevölkerung. Das kann natürlich nicht sein, da muss ein Beschiss vor­lie­gen, krakeelen die Jungs und Mädels und reichen Beschwerde über Beschwerde ein; hier ist genau jenes Niveau erreicht, das der olle Trump vor einem Jahr in den Vereinigten Staaten veranstaltet hat,, nachdem er gegen Biden verloren hatte. Und nun sind wir gespannt, ob die ImpfgegnerInnen auch noch den letzten Akt, nämlich den Versuch zur Erstürmung des Kapitols am 6. Januar, imitieren werden. Zuzutrauen wäre es ihnen. Ich gebe Bescheid, in einer Woche.


Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
23.11.

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