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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Albert Steck

Wie zahlreiche andere Menschen habe auch ich eine, na, nicht gerade lyrische Ader, aber hin und wieder die Tendenz zu reimen. Vor mehreren Jahren fiel mir mal der folgende Vierzeiler bei: "Fällt der Regen, wird das Gras, weil der Regen nass ist, nass. Wenn die Aktienkurse fallen, trifft's die Schwächeren vor allem."

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Das ist natürlich ausgemachter Blödsinn, und ich entschuldige mich im Nachhinein noch dafür, obwohl es mir mit diesem Vers nicht allzu ernst war – die Wirtschafts- und Gesellschaftsanalyse habe ich in der Regel in Prosa gefasst, hier ging es mir vor allem um die epochale Einsicht, dass das Gras nass wird, wenn es regnet, weil der Regen als solcher nass ist. Wie gesagt: Das war nicht besonders tiefgründig, sondern in einer ausgesprochen unbedeutenden Zwischenschicht unbedeutend scherzhaft, hatte aber immerhin den damals und heute noch richtigen vermeintlich sozialkritischen Drall.

Heute lese ich in einem Kommentar zum quer liegenden Schiff Ever Given der Reederei Evergreen im Suezkanal, dass diese Havarie nicht nur zeige, wie sehr wir vom Welthandel abhängig sind, was zwar eine Plattitüde von fast universellem Ausmaß ist, aber trotzdem hin und wieder einen Aus­druck finden muss, weil sich offenbar verschiedene oder gar diverse Bevölkerungsschichten darüber nicht im Klaren sind; insofern also alles gut, auch wenn es sich beim Verfasser um den NZZ-Wirt­schafts­redaktor Albert Steck handelt, dem man auch weiter reichende Gedanken zutrauen möchte, da ihn ja immerhin die Wirtschaftszeitung NZZ als Wirtschaftsredaktor eingestellt hat. Hier argu­men­tiert er aber nur, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer vom globalen Handelssystem profi­tieren würden, während aber im Havarienfalle, hört und merket auf: «Wenn es zu einem Engpass kommt, trifft es die Konsumenten im Westen stärker als die Hersteller in Asien.» Als Beleg dafür dient die Angabe, dass der Frachtpreis eines Containers von Asien nach Europa im Moment fünf Mal höher sei als für die umgekehrte Richtung, denn auf dem Rückweg blieben viele davon leer. Und dann folgt der tiefsinnige Abgang: «Es klingt zwar verlockend, wenn Politiker vermehrt die Selbstversorgung und den Stopp der Globalisierung propagieren. Fakt ist jedoch: Der Handel wird auch in Zukunft weiter wachsen.»

Also nochmals: Von einem Unterbruch der Handelsströme sind die Konsumenten im Westen stärker betroffen als die Hersteller in Asien, weil der Preis für einen vollen Container in Richtung Westen fünf Mal höher ist als jener für einen leeren Container in Richtung Asien. Deshalb ist der Ruf nach Selbstversorgung Blödsinn. 

Quid erat demonstrandum? Man weiß es nicht. Die Kleinen leiden am stärksten unter dem Fall der Aktienkurse, und die Konsumenten im Westen sind von einem Unterbruch des Welthandels stärker betroffen als die Hersteller in Asien. Ein fünffaches Hipp-Hipp-Hurrah auf den Verfasser dieses Kommentars vom letzten Sonntag, den NZZ-Wirtschaftsredaktor Albert Steck.

Man muss diesen Wirtschaftsredaktoren aber auch zugute halten, dass all das, was ihnen noch vor fünf Jahren während ihrem Wirtschaftsstudium als der heißeste Scheiß verklickert wurde, nun ein­fach nichts mehr gilt. Die Effizienzmarkttheorie, also die Behauptung, dass an der Börse bezie­hungs­weise am Kapitalmarkt das Kapital immer dorthin fließe, wo es am meisten Effekt auslöse, gilt heute als Grund für die Einweisung ins Irrenhaus, also wenn man sie im Ernst noch vertritt. Die meisten Hochschul-Absolventen sind heute gezwungen, sich in Ermangelung der abhanden gekom­menen bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften wenigstens noch an die bürgerliche Ideologie zu halten beziehungsweise was sie oder ihre Professoren seit hundert Jahren darunter verstehen. NZZ-Redaktor Albert Steck exzelliert vor allem im Fach Altersvorsorge, wo die Schweiz ja seit bald 40 Jahren ein Pensionskassen-Obligatorium kennt, so etwas wie eine voll ausgebaute Riester-Rente, welche ja auch die deutschen Grünen in Richtung des Schweizer Modells reformieren wollen, allerdings mit einer staatlichen Pensionskassen-Institution und nicht mit 1500 einzelnen Kassen, wie dies gegenwärtig bei uns noch der Fall ist. Wie auch immer: Albert Steck behauptet seit Jahren steif und fest, hier finde ein Rentenklau statt, und zwar würden die Alten von den Jungen im Jahr 7 Milliarden Franken stehlen, weil der Renten-Umwandlungssatz zu hoch sei oder etwas einfacher: weil die Pensionskassen-Renten zu hoch seien. Dabei nehmen die Pensionskassen jährlich 80 Milliarden Franken ein, von denen sie gerade mal die Hälfte als Renten auszahlen, der Rest dient der Kapitalbildung. Dass bei einer solchen Rechnung auch noch ein Betrug von 7 Milliarden Franken pro Jahr an den künftigen Generationen vollzogen werde, dass also eigentlich nur etwas über 30 Milliarden Franken Renten ausbezahlt hätten werden dürfen, das nimmt dem Steck wohl nur noch der Wirtschaftsprofessor Martin Eling ab, der an der Eliteuniversität Sankt Gallen früher ähnlichen Stuss erzählt hat. Aufgrund der anhaltenden Überschüsse in der Betriebsrechnung ist übrigens die Bilanzsumme der Schweizer Pensionskassen im Jahr 2019 zum ersten Mal über die 1000-Milliarden-Grenze geklettert. Wer bei solchen Zahlen noch von einem Rentenklau der Alten an den Jungen spricht, muss von einem ganz speziellen Morbus befallen sein – dem Morbus Ideologicus Capitalisticus oder so.

Bei der zweiten großen Zürcher Tageszeitung, die aber kein internationales, sondern nur nationales Renommée hat, nämlich beim Tages-Anzeiger hat sich ein paar Jahre lang ein ähnliches Kaliber als Wirtschaftsjournalist gehalten, ein Dominik Lüthi, der zwar Politologie studiert hat und nicht Wirt­schaftswissenschaften, aber dafür umso stärker in die ideologischen Tasten haute. Alles, was nach Sozialdemokratie stank, bekämpfte er mit steifer Feder, zum Beispiel im Juni 2020 bei der Beset­zung des den Gewerkschaften zustehenden Sitzes im Aufsichtsrat der Schweizer Post, die er als Mauschelei der SP-Bundesrätin Sommaruga ausgab. Die hatte damit zwar überhaupt nichts zu tun, aber sie ist halt nicht nur eine Sozialdemokratin, sondern auch eine Frau, und das ist nun wirklich die schlimmstmögliche Kombination für einen Wirtschaftsjournalisten von Dominik Lüthis Kaliber – für einen in Blei gegossenen Reaktionär nämlich. Nun – Dominik Lüthi hat jetzt seine Bestim­mung gefunden, und zwar werkelt er seit Anfang diesen Jahres beim einzigen Deutschschweizer Satire-Magazin, dem «Nebelspalter», als Bundeshausredaktor. Den «Nebelspalter» hat letztes Jahr der rechtsnationalistische Journalist Markus Somm zusam­men­ge­kauft, zusammen, weil er dies zusammen mit dem Geld von interessierten Freunden aus der rechtsnationalistischen Kapitalisten-Szene erledigt hat. Solche Freunde gibt es schon lange, begonnen mit dem unterdessen längst baufällig gewordenen Milliardär Christoph Blocher mit seinem Versuch, die «Basler Zeitung» zu seiner Heroldstribüne zu machen, seinem Kollegen Tito Tettamanti, welcher dem famosen ehemaligen Welt-Chefredaktor Roger Köpper die ehemals liberale «Weltwoche» geschenkt hat und dann noch zahlreichen weiteren mittleren Kapitalisten, die Nationalismus eher als Sport betreiben, denn im Beruf machen sie ihr Geld mit knüppelhartem Internationalismus. Jetzt warten wir also alle auf rechtsnationalistische Satire. Es ist in etwa so, als hätte die AfD den «Eulenspiegel» erworben. Für Dominik Lüthi ist jedenfalls gesorgt, man könnte sagen: Der «Nebelspalter» hat sich zum Abstellplatz für bürgerliche Wirtschaftsjournalisten gemausert. Ob dies ein gutes Zeichen ist für die Satire oder für die bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften?

Von einem anderen, eher erheiternden Fall aus der Schweizer Halbwelt habe ich letzte Woche in der Online-Zeitung «Republik» gelesen, nämlich von einer Buße von 7 Millionen Franken neben einer Steuernachzahlung von 11.4 Millionen Franken, gegen die der Betroffene Anfang dieses Jahres vor Gericht zog. Es handelt sich um Urs Schwarzenbach, den, unter anderem, Besitzer des Zürcher Nobelhotels Dolder, und seine Anwälte waren Thomas Sprenger, Lorenz Erni und Christoph Hohler, wobei vor allem Lorenz Erni als Verteidiger des russischen Milliardärs Viktor Vekselberg, des betrügerischen Raiffeisen-Bankchefs Pierin Vincenz oder des ehemaligen FIFA-Generalsekretärs Sepp Blatter bekannt geworden ist. Er verteidige auch Randständige, stand vor drei Jahren in einem Artikel der Zürcher Handelszeitung, und im Fall von Urs Schwarzenbach trifft dies offenbar auch wieder zu, denn Urs Schwarzenbach gehe es finanziell im Großen und Ganzen sehr schlecht, wie die «Republik» aus einem anderen Verfahren aus dem Jahr 2017 zitiert. Nun – die Buße gegen den randständigen Urs Schwarzenbach wurde verhängt, weil er Kunst in die Schweiz eingeführt hatte, die er ums Verrecken nicht verzollen wollte und angab, die Kunst sei gar nicht für den dauernden Verbleib in der Schweiz bestimmt, sondern nur temporär für Ausstellungs­zwecke importiert worden, wodurch die Steuerpflicht entfalle. Das Gericht hat nun gegenteilig entschieden. Es geht um 88 Kunstwerke im Wert von 100 Millionen Franken, unter anderem Picasso, Miro und Warhol, die vor vier Jahren von den Behörden beschlagnahmt worden waren.

Die «Republik» berichtet über die weiteren Besitztümer dieses sehr schlecht gestellten Randständigen, nämlich: diverse Kunst, durchaus zusätzlich zu den inkriminierten Werken, im Wert von mehreren 100 Millionen, dazu Immobilien, Ländereien in England, ein Jagdsitz in Schottland, ein Palast in Marrakesch, 50'000 Hektaren Farmland in Australen, ein Poloverein mit 600 Pferden, eine Airline samt Flughafen. Zudem brachte die behördliche Untersuchung noch ein Bankkonto in Liberia im Umfang von 3 Milliarden Dollar ans Licht; hier handle es sich um Gewinne aus Pferdewetten, wie die Anwälte von Schwarzenbach sagten.

Für unsereinen ist so etwas bizarr, nicht zuletzt deswegen, weil es mich stark wundern würde, wenn sich Jeff Bezos einen Poloverein mit 600 Pferden leisten würde. Der hat keine Zeit für sowas, obwohl das Geschäft mit Pferdewetten offenbar ziemlich lukrativ ist, wobei mir neu ist, dass man im Milliardenbereich auf Polospiele setzen kann. Oder gar Elon Musk, den man einfach lieben muss dafür, dass er aus seinen Papiermilliarden echte Raketen basteln lässt, die dann zum Mars fliegen sollen – so etwas würde Schwarzenbach nie in den Sinn kommen, obwohl seine Pferdewetten sicher für eine solche Rakete ausreichen würden.

Die «Republik» setzt den Steuerhinterziehungs-Prozess aber noch in einen anderen Bezug, nämlich zum Sozialversicherungsbetrug, also zum Erschleichen von Leistungen der Sozialhilfe oder der Invalidenversicherung und ähnlicher Institutionen, der in der Schweiz auf bis zu 80 Millionen im Jahr geschätzt wird. Die Steuerhinterziehung soll dagegen bis zu 18 Milliarden Franken betragen.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
30.03.

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